Nght5: Hirnbichlers Untergang oder Protokoll einer vorweihnachtlichen Katastrophe

24 Dezember, 2001 (14:12) | Philos | tage-bau | Kommentieren

7 Uhr 30:
Pastor Johannes Fürchtegott Hirnbichler erhebt sich mit einem handfesten Brummschädel von seinem Lager, um dem Herrn sein Tagewerk und sich selbst in der Kloschüssel zu übergeben. Während er ins Badezimmer wankt, versucht er sich krampfhaft zu erinnern, ob ihm bei der gestrigen Weihnachtsfeier des Hinterhugeldorfer Stierzuchtvereins die Jungfrau Maria mit einem Obstler oder der Heilige Sankt Martin mit einem Rachenputzer den Rest gegeben habe.

8 Uhr:
Hirnbichlers Zölibatesse, Eusebia Gschaftlhuber, legt dem Pastor mit einem mitleidigen “Mei, Herr Pfoarer, des wird heit ober wieder schlimm”, eine umfangreiche Liste mit Adventsbesuchen und Weihnachtsfeiern samt drei Aspirin neben die Kaffeetasse.

8 Uhr 15:
Nachdem Hirnbichler die Liste studiert hat, bittet er seinen Herrgott auf Knien, daß dieser Kelch an ihm vorübergehen möge. Herr Gott hat aber gerade alle Hände voll zu tun, den aus diversen Weltkrisengebieten geflüchteten Friedensengel wieder einzufangen, weshalb Hirnbichler keine Antwort zuteil wird.

8 Uhr 47:
Hirnbichler gratuliert der Hintermooserin zum 90sten. Da man in solchen Fällen immer etwas Nettes sagen muß, fragt er, wie sie denn in ihrem hohen Alter noch so gut beieinander geblieben sei. Nachdem er ihr die Frage dreimal ins Ohr gebrüllt hat, weist die zittrige Hand der Greisin auf eine Flasche am Kü-chentisch und brabbelt: “Jedn Tog a Schlückerl Enzian, Herr Pfoarer, des hoit jung!”
Selbstverständlich muß Hirnbichler das bewährte Hausmittel sofort testen. Mit den Worten “Geh, Herr Pfoarer, auf oam Haxen kenners doch net stehn!” nötigt ihm die Schwiegertochter der Hintermooserin ein weiteres Schlückerl auf. Und erst nachdem er auch noch zwei Scheiben vom selbstgebackenen Früchtebrot hinuntergewürgt hat, darf er wieder gehen. Gut angewärmt setzt Hirnbichler seinen Dienst- und Leidensweg fort.

9 Uhr:
Zusammen mit den Restbeständen des gestrigen Vorweihnachtsmartyriums im Blut des Pastors und dem Zucker des Früchtebrots, entfaltet der Enzian bereits nach wenigen Minuten seine volle Wirkung. Bei der Einfahrt in den Hof des Gemeindeamtes, wo er den soeben aufgestellten zwei Meter hohen Weihnachtsbaum segnen soll, rutscht Hirnbichler deshalb von der Bremse und rasiert denselben um. Die Segnung wird auf den Nachmittag verschoben. Aber weil “der Herr Pfoarer so blaß ausschaugt und überhaupt’s, auf den ganzen Schreck hin”, nötigt ihm der Bürgermeister in der Amtsstube einen Obstler auf und – während seine Frau den selbstgebackenen Stollen verkostet und gelobt haben will – gleich noch einen zweiten, wegen der altbekannten Sache mit dem einen Bein.

(Rest des Protokolls unter “Gesamter Text”)

9 Uhr 38:
Pastor Hirnbichler nietet auf dem Parkplatz der örtlichen Grundschule den Feuer-wehrhydranten um und betritt mit dem Satz “Halleluja, liebe Betschwestern, fix Halleluja, sog I”, die Aula, wo wegen Raummangels die diesjährige Weihnachtsfeier des Jungbauernverbands stattfindet. Seine Begrüßung löst einiges Befremden aus. Hirnbichler sieht sich gezwungen deutlich zu machen, daß er weder schwul ist, noch die Jungbauern dafür hält. Sein Männlichkeitsbeweis in Form einer “auf ex” gekippten Maß wird akzeptiert, zumal der Jungbauernvorsitzende ihm heimlich zwei Korn unter das Bier gemixt hat.

10 Uhr 15:
Auf dem Marktplatz beobachten Zeugen, wie Hirnbichler mit heruntergelassener Hose gegen den dort aufgestellten zwei Meter großen Plastikweihnachtsmann uriniert.

10 Uhr 30:
Hirnbichler erscheint mit offener Hose am Weinachtsmarktstand der katholischen Jungfrauenschaft unter denen sich aber – wie er aus der Beichte weiß – keine einzige mehr befindet. Dies teilt er den anwesenden Damen auch laut grölend mit. Um weiteres Aufsehen zu vermeiden und ihn am Reden zu hindern, flößen diese ihm zwei Becher Glühwein ein und stopfen ihm zwischen den einzelnen Schlucken abwechselnd Vannillekipferln, Aachener Printen und Kokosmakronen in den Mund.

11 Uhr 15:
Die 75-Jährige Amalie Übelrieder ruft ihre Tochter an und erzählt ihr schluchzend: “Der Herr Pfoarer hat mein Adsventskranz gegn d’Wand gschmissen und gsogt, do hockt der Teifi drin. Dabei hob i eahm doch bloß a Glaserl vo meim Nußlikör gem ghobt!”

12 Uhr 30:
Auf der Fahrt zum etwas außerhalb stehenden Feuerwehrhaus säbelt Pastor Hirnbichler auf mehreren hundert Metern sämtliche Leitpfosten weg und erreicht mit fehlender Motorhaube und abrasierten Kotflügeln den Vorplatz.
Nachdem der Feuerwehrkommandant den Herrn Pastor zum Aufwärmen mit einem doppelstöckigen Enzian begrüßt hat, erfährt die Weihnachtsfeier der Hinterhugeldorfer Feuerwehr die denkwürdigste Lesung der Weihnachtsgeschichte seit Ewigkeiten. Zusammengefaßt teilt Hirnbichler seiner staunenden Zuhörerschaft im Wesentlichen mit: Daß die keineswegs jungfräuliche katholische Jungfrauenschaft ihre Jesuskinder schon noch kriegen wird und jeder sehen könne, wie sie mit den in eine Krippe gewickelten Bälgern von Haus zu Haus zögen, um als Heilige Drei Könige verkleidet Geld für einen Kinderwagen zu erbetteln. An Ostern würde dies sodann ein Engel dem Papst auf einer römischen Weide kundtun, worauf jener vor Freude außer sich geriete und mitsamt den Nichtmehrganzjungfrauen gen Himmel führe.
Im späteren Polizeiprotokoll heißt es: An dieser Stelle habe Hirnbichler begonnen, mit den ihm gereichten Lebkuchen um sich zu werfen und sei anschließend mit dem Leiterwagen der Feuerwehr geflüchtet.

13 Uhr:
Pastor Hirnbichlers Fahrt zum Marktplatz entwickelt sich zu einem etwas dissonantem allegro furioso: Jeden Weihnachtsbaum, den er entlang der Strecke sichtet, fährt er, begleitet vom jubilierenden Aufheulen der Feuerwehrsirene, kurzerhand über den Haufen. Da sich unter den Opfern auch zahlreiche völlig unschuldige aber recht teure Blautannen in diversen Vorgärten befanden, sowie zwei Lkws, deren Fahrer das Armaturenbrett mit Minibäumchen bestückt hatten, ergab die spätere Endabrechnung eine nicht unbeträchtliche Schadenssumme.

13 Uhr 37:
Auf dem Marktplatz angekommen rammt Pastor Hirnbichler – ob versehentlich oder mit voller Absicht ließ sich später nicht mehr genau klären – mehrere Glühweinstände und eröffnet das dortige Adventssingen des Hinterhugeldorfer Heimatvereins mit 10-minütigem Sirenengeheul. Der Versuch Egbertine Moosleitners, ihres Zeichens Vorsitzende des örtlichen Vereins für gefallene Mädchen, den Unverständliches vor sich hinmurmelnden Pastor mittels eines Gläschens “Eckes Edelkirsch” und zweier Anisplätzchen zu beruhigen, endet in einer Katastrophe.
Nach übereinstimmenden Berichten aller Beteiligten fuhr Pastor Hirnbichler daraufhin die Feuerwehrleiter aus, raste auf ihr zur Spitze des Dreimeterachtzig hohen Marktweihnachtsbaumes hinauf, zündete sie an und rutschte – dabei lauthals “Vom Himmel hoch da komm ich her…” grölend – die Leiter auf seinen vier Buchstaben wieder hinunter. Als ihn die aus ihrem Laden mit einer Flasche in der Hand herbeigeeilte Metzgermeisterswitwe Agneta Himmelhuber mitleidig fragte: “Jesses Maria, Herr Pfoarer, brauchens vielleicht an Enzian?” brach er inmitten der brennenden Weihhnachtsmarktbuden mit einem Weinkrampf zusammen.

Epilog:
Pastor Johannes Fürchtegott Hirnbichler fand einen verständnisvollen Richter. Anbetrachts seiner – so wörtlich – berufsbedingten Weihnachtsfeiern-, Baum- und Plätzchenphobie erkannte ihm dieser erhebliche mildernde Umstände zu und verurteilte ihn lediglich zu einem sofortigen Berufswechsel. Das Gerücht, Hirnbichler habe kürzlich, als Osterhase verkleidet, in einem Großstädtischen Kaufhaus Liköreier an die Kunden verteilt, entbehrt allerdings jeder Grundlage.

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Beitrag vom: 24 Dezember, 2001 (14:12) | Autor: Philos | Rubrik: tage-bau | Beitrag ausdrucken | Kommentieren


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