Was vom Nikolaus übrig blieb

6 Dezember, 2001 (17:18) | Anelka | tage-bau | (1) Kommentar

Kalt war es. Der Nikolaus stapfte durch den tiefen Schnee eines Waldstücks. Das verwunderte ihn sehr, den Nikolaus. “Ach”, sagte er, “der Dezember ist auch nicht mehr das, was er mal war. Und überhaupt, die Welt ist nicht mehr so, wie sie einmal war.” So hockte er jahraus jahrein in seiner Hütte am nördlichen Polarkreis, beobachtete die Menschen nur von Ferne und besuchte sie einmal im Jahr. Einsam war es dort oben geworden. Immer schwieriger stellte sich der Versuch dar, neues Personal zu finden. Da waren die Engel, die für den Frieden auf der Welt verantwortlich zeichneten. Sie beobachteten die Menschen und wo immer es arg wurde, waren sie zur Stelle, um zu helfen und zu schlichten. Dann gab es die Wichtel und die Trolle, die die Geschenke bastelten und Plätzchen backten. Das ganze Jahr über hatten sie zu tun. Eifrig sägten, hobelten, klebten, strickten sie das ganze liebe Jahr, nur um den Kindern im Dezember eine Freude machen zu können. Auch Pflegepersonal gab es. Sie standen sehr früh am Morgen auf, fütterten die Rentiere, misteten deren Stall aus, trainierten sie für ihre schwere Aufgabe im Dezember. Und die Köche natürlich. Die Köche durfte man nicht vergessen. Denn die ermöglichten es erst, dass der Nikolaus so stattlich aussah. Ohne seine große Gestalt und seinen dicken Bauch war der Nikolaus ja nicht der Nikolaus. Niemand würde ihn erkennen. Deshalb gab es auch keinen Friseur dort oben am Polarkreis. Viel zu groß wäre die Versuchung für ihn, seinen Bart zu stutzen und die Haare zu schneiden. Denn praktisch war diese Frisur nicht gerade. Jeden Abend standen der Nikolaus und seine Frau im Badezimmer und kämmten stundenlang das weiße Haar, damit es nicht zu Rastalocken verfilzte.
So hatte der Nikolaus ein gutes Leben. Wenn da nicht die Sorgen wären, die von Jahr zu Jahr größer wurden. Das Personal wurde weniger. Immer mehr seiner Angestellten kündigten. Natürlich, er konnte nicht das Gehalt bieten, das andere boten. Die Unternehmensberatungen etwa, von denen er schon gehört hatte. Auch war das Leben in der Kälte und dem langen Winter nicht immer leicht. Vieles mussten sie entbehren. Und auch hatten sie nur sich. Viele Mitarbeiter waren in die Karibik gegangen, weil sie die Schnauze voll hatten von dem ewigen Frost, dem Schnee und dem Eis. Aber, dachte sich der Nikolaus, schließlich war die Aufgabe auch ehrenhaft und dankbar. Wer brachte den Menschen sonst so viel Freude wie er? Die Buchhalter etwa? Die Manager der großen Konzerne? Gut, ein Schornsteinfeger vielleicht, ein Clown, ein Bäcker. Das akzeptierte er. Aber doch fand er die Jobs, die er zu bieten hatte unvergleichlich. Es war aber nichts zu machen. Sie verließen ihn und neues Personal ließ sich nicht finden. Er hatte Anzeigen aufgegeben in der Süddeutschen Zeitung und im Internet. Aber die Resonanz darauf war mehr als spärlich. So hatte er dieses Jahr selbst mit Hand anlegen müssen. Und aufgrund der Unterbesetzung in der Küche hatte der Nikolaus bereits 10 kg abgenommen. So konnte es nicht weitergehen. Und auch an diesem 6. Dezember, an dem er durch den finsteren Wald stapfte, dachte er darüber nach. “Naja, wenigstens liegt Schnee”, dachte er sich. Denn auch Schnee war in den letzten Jahren rar geworden. Frühlingshafte Temperaturen herrschten und die Leute freuten sich noch darüber. “Diese Kälte war ja nie zum Aushalten!” hatten sie gesagt und sich über 15°C im Dezember gefreut. Der Nikolaus konnte es nicht verstehen. Denn Winter war doch etwas feines.
Er marschierte also und sah in der Ferne die Lichter einer Ortschaft. Die Wälder, ja die Wälder waren auch keine mehr. Wohin man lauschte, überall war der Lärm von Straßen zu hören. Wohin man ging, man traf immer auf eine Autobahn oder auf ein Gewerbegebiet. Wie schön es doch dagegen im Nordpol war!
Und die Kinder erst! Er brachte ihnen Holzschlitten oder ein Paar Schlittschuhe. Dann zogen sie lange Gesichter. Freuten sich nicht. Und die Eltern schenkten ihnen die neueste Playstation dazu, damit sie ein schönes Weihnachtsfest hatten. Richtig nutzlos fühlte sich der Nikolaus mittlerweile. Er überlegte bereits, in Rente zu gehen.
Während seiner Grübeleien hörte der Nikolaus nicht die Schritte hinter ihm. Er ging und ging und wollte den Arbeitstag hinter sich bringen. Überrascht war er, als er merkte, wie ihn jemand von hinten anpackte und zu Boden riss. Dort lag er und konnte sich nicht wehren, denn er hatte ja abgenommen und besaß keine Pistole. “Sicherheitspersonal sollte ich einstellen”, dachte er so bei sich.

Am nächsten Morgen, es war der 7. Dezember, sahen Kinder in einem nahe der Ortschaft gelegenen Bach eine rote Mütze mit weißem Fell und einen Leinensack vorbei schwimmen. Mit einem Stock angelten sie nach dem Zeug. Sonderbar fanden sie es, denn solch eine Kleidung trug heutzutage niemand mehr. Den Sack jedoch, den öffneten sie und fanden einen Holzschlitten. “Ein Schlitten!” jubelten sie und liefen sogleich zu einem kleinen Hügel am Rande des Dorfes. Denn es lag zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder Schnee.

Der Nikolaus aber, der kam nie mehr am 6. Dezember. Auch seinen Mörder fand man nicht. Es wurde jedoch Brauch, sich an diesem Tag mit einer roten Mütze auf dem Kopf am Rodelberg des Dorfes zu treffen, wo die Leute allesamt sehr viel Spaß miteinander hatten.*

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Beitrag vom: 6 Dezember, 2001 (17:18) | Autor: Anelka | Rubrik: tage-bau | Beitrag ausdrucken | (1) Kommentar
Kommentare



sylvia schrieb:

ach mensch die anelka, die fehlt mir
hier, merk ich grad wieder;-)))

Kommentiert am 14. Dezember 2007 um 19:08



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