Weihnachtsgeschichte “Erylan” Teil I

11 Dezember, 2007 (12:32) | Angela Planert | tage-bau | Kommentieren

Der eisige Dezemberwind blies unbarmherzig um jede Hausecke des kleinen Fischerdorfes, verschreckte jeden von der Straße, der nicht unbedingt hinausgehen muss. Zum Schutz vor der beißenden Kälte hätte sich Erylan am liebsten die Hände vor das Gesicht gehalten, doch dann hätte er das rettende Holz zurücklassen müssen. Beschwerlich hatte er den ganzen Nachmittag damit verbracht, brauchbare Holzabfälle und heruntergefallene Äste unter dem fest gefrorenen Schnee zusammen zu suchen. Vor Kälte spürte Erylan seine Füße nicht mehr. Vor fünf Tagen hatte er auf der Flucht, vor den Ordnungshütern seine ohnehin schon abgewetzten Schuhe verloren. Unter keinen Umständen wollte er in dieses merkwürdige Waisenheim zurückgehen. Heimlich hatte er sich eines Nachts davon geschlichen. Seither war er immer unterwegs, zog durch Dörfer und Wälder. Jenes kleine Fischerdorf hatte es ihm angetan, zumal es hier keine Ordnungshüter gab. Endlich erreicht Erylan das leerstehende Haus. Es steht abseits der Siedlung, oberhalb der Felswand mit einem herrlichen Blick auf das Meer. Seit zwei Tagen fand er hier einen angenehmen Unterschlupf.
Als seine tauben, halberfrorenen Füße die steinernen Stufen zum Haus betreten, überkommt ihn ein vertrautes Gefühl. Gedankenvoll bleibt er stehen und sieht an sich herunter. Erschrocken starrt er auf die blutigen Fußspuren, die er auf den Stufen und im Schnee hinterlassen hat. Früher hatte ihn seine Großmutter mit Umschlägen aus getrockneten Salbeiblättern versorgt, wenn er sich verletzt hatte. Wehmütig denkt er an das letzte Weihnachtsfest! Ein Kranz aus Eibenzweigen schmückte den einfachen Holztisch. Großmutter hatte einen besonderen Braten zubereitet und seine Mutter hatte dazu frisches Brot gebacken. In jedem Tischgebet widmete Mutter einige Worte Erylans Vater, der vor langer Zeit mit seinem Schiff in einem Sturm verschollen gegangen war. Gerade zu Weihnachten waren ihre Gebete von vielen Tränen begleitet. Großmutter schüttelte nur darüber den Kopf: „Es sind über fünf Jahre vergangen! Eric wird nicht zurückkehren!“
„Eines Tages wird er nach Hause kommen! Ich weiß es!“ Seine Mutter war so sehr davon überzeugt, dass sie bis zu ihrem Ende von ihrem geliebten Ehemann sprach. Nur wenige Tage nach diesem Weihnachtsfest wurde das halbe Dorf krank und viele Einwohner erlagen ihrem hohen Fieber. Zuerst entschlief Großmutter. Kurz darauf später starb Erylans Mutter.
Wie wachgerüttelt findet sich Erylan in der großzügigen Eingangshalle des leerstehenden Hauses wieder. Er muss schnell Feuer machen, um wieder Gefühl in seine wunden Füße zu bekommen. Inzwischen ist er im Feuer machen sehr geschickt geworden. Der große Raum, der rechts vom Eingang liegt, beherbergt einen mannshohen Kamin. Es dauert nicht lange, bis Erylan am warmen Feuer sitzt. Er hat keine weiche Unterlage, keine Decke, doch er ist beinah ein wenig glücklich. Heute Nachmittag hatte ihm die Hebamme des Dorfes ein süßes Brötchen geschenkt. Feierlich verzehrt er diese außergewöhnliche Speise, denn heute ist Weihnachten. Erylan weiß nicht, warum er sich in diesem riesigen Haus so geborgen fühlt, warum es ihn ausgerechnet hierher in dieses abgelegene Fischerdorf verschlagen hat. Er rutscht dicht ans Feuer heran. Gemächlich beginnen seine Füße zu kribbeln, schließlich spürt er seine wunden Fußsohlen. Müde legt er sich auf den kalten Boden, ganz nahe an den Kamin. Seine Gedanken schweifen an jenes letzte gemeinsame Weihnachtsfest zurück, bis er darüber eingeschlafen ist.
Mitten in einem wundervollen Traum schreckt Erylan hoch. Schritte dringen durch die Dunkelheit zu ihm. Die restliche Glut vor ihm im Kamin gibt kaum noch Wärme ab. Wer mag mitten in der Nacht dieses verlassene Haus aufsuchen?

nächste Woche folgt der II. Teil

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Beitrag vom: 11 Dezember, 2007 (12:32) | Autor: Angela Planert | Rubrik: tage-bau | Beitrag ausdrucken | Kommentieren


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