Scarlattieren (DGb)

5 März, 2010 (11:50) | Kasper Grimm | rausch (zustände) | (3) Kommentare

Bei noch größerem Druck würde er zerspringen, und in höchster Not scarlattierte er mit Hilfe eines kleinen, runden Apparats, in dem eine silberne Scheibe steckte, von der elektrische Signale ausgingen, die, in Klänge umgewandelt, durch eine dünne schwarze Schlange zu der Klemme geleitet wurden, die seinen Kopf umspannte,

von einem Ohr zum anderen, jedes ein Trichter in seine Innenwelt, die nun mit Saiten überzogen wurde, Sehnen, straff gespannt im Unendlichen, das sich in einem schwarzen Horizont verlor, von dem er nicht wußte, bis wohin er sich erstreckte, ob er überhaupt irgendwo aufhörte

oder mit dem Universum verbunden war, das sich grenzenlos ins Unvorstellbare fortsetzte, in dem er selber nur ein Staubpartikel war, ein winziges, aber intensives Umfeld, durchzogen mit schneidenden Fäden, gespeist aus dem runden Apparat, die sein Bewußtsein durchflitzten, an unsichtbaren Halterungen befestigt, bald zu einem Gebilde aus silbrigen Klängen verwoben,

nun zu einem Auffangnetz unter ihm aufgespannt, ein Gefühl von Sicherheit verbreitend, als könne er nicht mehr ins Bodenlose abstürzen, und wie zum Test fiel er plötzlich, mit einem diesmal freudigen Erschrecken, das er beim Hinabsausen in der Achterbahn auf der Kirmes verspürt hatte,

wurde aufgefangen von der elastischen Matte, federte auf und ab auf matratzenweichen Klängen, parfümiert mit süßen Melodien, rhythmisiert von beglückenden Harmonien, die ihm das Gefühl gaben, ein Akrobat zu sein, der euphorisch hochfuhr, Loopings machte, hinabsauste,

vom Klangteppich zurückprallte, der allmählich in die Höhe wuchs, jetzt nicht mehr nur eine horizontale Fläche, sondern aufragend ins Vertikale, ein gigantisches Gestänge, das an ein Klettergerüst mit Drahtseilen erinnerte, in dem er nun von einem Berührungspunkt zum anderen katapultiert wurde,

eine Flipperkugel, die nicht auf einer planen Ebene herumfuhr, sondern durch den dreidimensionalen Raum flog, zurückgeschleudert von dem Grund, auf dem er gerade aufgeschlagen war, ein Querschläger, ständig in andere Richtungen geschossen, ein Alptraum,

und seine Festigkeit wurde zunehmend weicher, so daß die Drähte, von denen er vorhin noch ohne Verletzungen abgeprallt war, erst Striemen, dann Schnitte in seinem Körper zurückließen, der zuletzt nicht mehr wegsprang, sondern, ein lehmiger Klumpen, durch die Saiten des Gerüstes hindurchgedrückt wurde,

ein riesiger Eierschneider, der ihn in immer kleinere Stücke häckselte, bis er sich ins Nichts aufgelöst haben würde, das ihm als erlösendes Nirwana vorschwebte, wunderbar –

da schrak er auf und wäre fast vom Stuhl gefallen, auf dem er eingeschlafen war, den Kopfhörer vom Discman auf, aus dem ein Cembalostakkato von Scarlatti perlte.

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Beitrag vom: 5 März, 2010 (11:50) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: rausch (zustände) | Beitrag ausdrucken | (3) Kommentare
Kommentare



sylvia schrieb:

boah, chapeau, Kasper! schön atemlos spannend fesselnd schließlich
erlösend;-))), toll!
sylvia

Kommentiert am 5. März 2010 um 12:13



Werner Theis schrieb:

Stimmt, das ist wirklich schöner Stoff!

Kommentiert am 6. März 2010 um 12:40



Kasper Grimm schrieb:

Danke für Eure Anmerkungen – ermutigt mich zum Weitermachen.
Gruß Kasper

Kommentiert am 6. März 2010 um 13:05



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