Beiträge zu alptraum/ego.wunde

Septemberregen.

5 September, 2010 (22:40) | Ramona Linke | alptraum/ego.wunde, tage-bau | 2 Kommentare

Septemberregen.
Sie schneidet weiße Astern –
ein Tag wie ein Jahr.

Beitrag vom 5 September, 2010 (22:40) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: alptraum/ego.wunde, tage-bau | Beitrag ausdrucken | (2) Kommentare


achtundsechzig

17 August, 2010 (11:17) | Ramona Linke | alptraum/ego.wunde, tage-bau | 4 Kommentare

es riecht nach
erdbeeren
hinter der scheune
wo sie die kindheit be
grub im strick
kleid gleich neben
dem mist
der immer abgefahren
wurde
wenn die leute
vom rummel
ihre luft
schaukeln ölten
weiß und hellblau
waren die
mit einem feinen
knallroten streifen

den überschlag
in der gondel hat sie
nie vertragen
vater wusste das
und lachte
lachte
bis hellblau und
weiß ver
schwammen zu einer
blassroten linie
neunzehnzweiund
achtzig
starb vater

das strickkleid war
frühlingsgrün
und hat gekratzt
auf der haut

Beitrag vom 17 August, 2010 (11:17) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: alptraum/ego.wunde, tage-bau | Beitrag ausdrucken | (4) Kommentare


Was ich verlor

16 August, 2010 (13:50) | Werner Theis | alptraum/ego.wunde, herz & lenden | Kommentieren

Du magst mich umarmen
Um mir kaltem Fels ein wenig Leben
Einzuhauchen
Die Eiskristalle Deines Atems sirren
Als Liebeslied um Sonne und Mond

Die Venus hat sich in
Einen Eispanzer gehüllt Mars
Starb an Seelenfrieden
Saturn hat den Tod gehörnt
Und Jupiter grollte in Blitzen

Schau an den Himmel
Wo der Große Wagen steht und der Morgenstern
Den Abendstern küsst
Bis die Perseiden schauern
Du hast mich ummantelt Heilige

Der ich nichts wert bin
Nur Zeuge des ewigen Eises
Vor mir und nach mir die Schwärze
Lass eine heiße Träne in
Mein Herz fallen eine nur

Damits mich schaudert
Und ich zitternd erwache
Um in Dir zu sehen in Deinen endlosen Augen
Was ich verlor ums mit Dir aufs Neu
Zu erwerben

Beitrag vom 16 August, 2010 (13:50) | Autor: Werner Theis | Rubrik: alptraum/ego.wunde, herz & lenden | Beitrag ausdrucken | Kommentieren


Heller Stern

23 Juli, 2010 (20:39) | Werner Theis | alptraum/ego.wunde | Kommentieren

In Memoriam Klaus Freidler

Es trifft der Blitz den, der dort – Zufall? – steht:
Er wird gefällt und springt aus diesem Leben.
Ein Lächeln wird es von ihm nicht mehr geben.
Es bleibt nicht viel zurück von dem, der geht.

Die Bänder, die sich sehr und eng verweben,
Zerreißen, eh’ der Wind den Vorhang bläht,
Und was zu spät war, bleibt nun auch zu spät.
Das Ende sieht man über allem schweben.

Es stürzt ein Kartenhaus wie nichts zusammen:
Ein kleiner Stups zerstört das Kunstwerk schnell.
Noch gestern sah man ihn tief Pflöcke rammen,

Er strahlte kraftvoll wie ein Stern so hell.
Jetzt will das böse Schicksal man verdammen,
Das ihn verdarb, als Schlaglicht, hart und grell.

Beitrag vom 23 Juli, 2010 (20:39) | Autor: Werner Theis | Rubrik: alptraum/ego.wunde | Beitrag ausdrucken | Kommentieren


Schachmatt

19 Juli, 2010 (17:59) | Werner Theis | alptraum/ego.wunde | Kommentieren

- In Memoriam Rolf Roller -

Wie dieses Leben jenes Edlen endet:
Den Weinberg jätet er bei dreißig Grad -
Der eine opfert sich für seine Saat!
Und wieder wird ein volles Blatt gewendet,

Wo man ein Schicksal aufgeschrieben hat:
Der Held hat für die Seinen sich verschwendet -
Sein Körper hat kein Notsignal gesendet,
Dann setzt sein müdes Herz ihn auf Schachmatt.

Uns bleiben Trauer und die harten Tränen.
Es bleiben Schrecken und auch Dankbarkeit.
Wir alle, die wir uns so sicher wähnen,

Sind neu gewarnt: Für jeden kommt die Zeit!
Es flechten sich schon erste weiße Strähnen
In unser Haar – stets seien wir bereit.

Beitrag vom 19 Juli, 2010 (17:59) | Autor: Werner Theis | Rubrik: alptraum/ego.wunde | Beitrag ausdrucken | Kommentieren


Ach, träfe ich Dich hier, in meiner Wüste

8 Juni, 2010 (15:19) | Werner Theis | alptraum/ego.wunde | Kommentieren

Ach, träfe ich Dich hier, in meiner Wüste,
Wo Dünen breiten sich wie Wellen aus;
An Sandkorn reibt sich Sandkorn; keinen Strauß
Von roten Rosen ich zu finden wüsste.

Auch wenn ich mich zum Überleben rüste,
Von mir bleibt nichts: Ich gehe jetzt hinaus
Und fechte mit der Unbill einen Strauß
Aus, der nicht weiterbringt. Auch die Gelüste

Verenden in den Schwaden meiner Piste,
In Nächten voller Kälte, ohne Haus,
Mit nichts als Elend in der Klapperkiste.

Du bist die letzte Hoffnung auf der Liste,
Die übrig ist nach all den Supergaus,
Als ich noch mutig war und nichts vermisste.

Beitrag vom 8 Juni, 2010 (15:19) | Autor: Werner Theis | Rubrik: alptraum/ego.wunde | Beitrag ausdrucken | Kommentieren


Sag mir mal ein liebes Wort

28 Mai, 2010 (20:56) | Werner Theis | alptraum/ego.wunde | Kommentieren

Sag mir mal ein liebes Wort,
Ich hätte nichts dagegen.
Böse werf in den Abort.
Das könnte viel bewegen.

Frag nicht, was das Ganze soll.
Jetzt rede einmal ich.
Hab die Schnauze richtig voll.
Was, ich schockiere Dich?

Gern hätt ich ein Lob gehört
Für dieses oder jenes!
Deine coole Art, sie stört.
Egal? Doch, ich erwähn es!

Nein, ich kriege mich nicht ein!
Du bist jetzt einmal still!
Das muss wirklich endlich sein,
Weil ich sonst nicht mehr will.

Nein, du willst das nicht, du gehst?
OK, dann geh für immer.
Weil du einfach nichts verstehst,
Wär bleiben noch viel schlimmer.

Beitrag vom 28 Mai, 2010 (20:56) | Autor: Werner Theis | Rubrik: alptraum/ego.wunde | Beitrag ausdrucken | Kommentieren


an die freundin

20 April, 2010 (19:45) | Ramona Linke | alptraum/ego.wunde | 5 Kommentare

mir ist als verlieren
wir
mit der zeit
unsere leichtigkeit
das hat nichts mit
über
gewicht zu tun

schon wieder
fast unbemerkt
mai
wie konnte das
passieren

jeder muss sich um
seine alben
träume kümmern
sie weinen
uns ins gewöll

und über
morgen
tausendundeinen
termin
ach, los doch
nur ein weilchen

spielen wir
vierzehneinhalb
auf der streuobstwiese
unter kirschblüten
weiß
wunder
bar leicht
sorgloser denn je
zwischen gänse
haut und
kuss

das lachen
malen wir bunt
aus
und du

pass auf
………. dich auf

Beitrag vom 20 April, 2010 (19:45) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: alptraum/ego.wunde | Beitrag ausdrucken | (5) Kommentare


Erscheinung (DGb)

19 März, 2010 (13:56) | Kasper Grimm | alptraum/ego.wunde | 1 Kommentar

Rother griff nach seinem Bleiminenhalter, einem dunkelgrünen Faber-Castell, aus dem er mit einem Druck auf dem orangefarbenen Knopf sein graues Rückgrat herausfahren ließ, nur eine Zungenspitze weit,

winkelte die Beine unter der Decke an, lehnte sein aufgeklapptes schwarzes Notizbuch dagegen, starrte auf die papierene Tabula rasa, das weiße, in zwei Seiten unterteilte Blankogesicht, das ihn inspirierte,

während die graue Zungenspitze darauf schlittschuhlief, Zeichen zurückließ, eingegeben vom Kino im Kopf, in dem Bilder auftauchten, erst stotternd in ihrem Bewegungsablauf, hintereinander gestaffelt, wie ungeschickt über den Daumen geblättert,

aber dann lief der Film glatt weiter, zeigte Kall, der von rechts oben nach links unten herbeischwebte, leicht vorgebeugt, auf den Füßen landete, in einem hellblauen Hemd, eingeklemmt von den Schulterriemen eines Rucksacks, der aber nicht zu sehen war,

dafür eine große Wolke aus gasgefüllten Ballons in verschiedenen Tiergestalten, wie sie am Zooeingang verkauft wurden, scheinbar in seinem Rücken an den Riemen befestigt, über ihm in der Luft schaukelnd, als sei er mit ihnen hier eingeflogen,

nicht aus der Höhe des Zimmers, wie Rother plötzlich begriff, sondern aus der Tiefe eines seiner Aquarelle, heraufbeschworen vom übers Papier flitzenden Stift, der alsbald auf seiner Minenfelge kratzte, worauf Rother auf den hinteren Knopf drückte, die Bleimine um einige Millimeter herausfuhr,

die sich sogleich in Schriftzeichen auflöste, während er weiterkritzelte und drückte, entsetzt, als ihm klar wurde, daß Kall nur durch sein Schreiben anwesend war, aber verblaßte, sobald seine Hand erlahmte,

und Rother schrieb wie um Kalls Leben, wollte ihn um keinen Preis wieder verlieren, den einzigen Freund, der ihn jetzt lächelnd ansah, geblendet von einem Licht, das nicht aus diesem Zimmer kam und Schlagschatten in sein Gesicht schnitt, mit zusammengekniffenen Augen, der Mund eine schwarze Öffnung im weißen Bart,

wobei Rother nicht wußte, ob Kall ihn überhaupt sah in dem grellen Gegenlicht, wenn ja, dann höchstens als Schattenriß vor dem Licht, das die Aquarelle an den gegenüberliegenden Wänden anstrahlte, ihre Strukturen plastisch hervorhob,

als wären es wirklich dreidimensionale Räume, aufgerissene Rachen, die alles zu verschlingen drohten, wenn Kall verschwand, dessen Gegenwart allein Ruhe und Frieden garantierte –

da bockte der Stift, dessen spitzes Metallmaul jetzt das Papier darunter zerriß, während Kall transparent wurde, parallel zu dem dunstartig aufsteigenden Schleier, der Rother immer dichter einhüllte,

der verzweifelt auf den Faber-Castell drückte, bis er begriff, daß die Mine zuende war,

und er sah Kall im Nebel verschwinden, emporgehoben von der Wolke aus Tierballons, winkend, bevor er verlöschte

im nun wieder herrschenden Dämmer, in dem die Notizbuchseiten weiß schimmerten, darauf unleserliche Hieroglyphen gekrakelt.

Beitrag vom 19 März, 2010 (13:56) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: alptraum/ego.wunde | Beitrag ausdrucken | (1) Kommentar


Es ist kein Platz an diesem Fenster

19 März, 2010 (12:43) | Werner Theis | alptraum/ego.wunde | Kommentieren

Es ist kein Platz an diesem Fenster,
Der nicht in Schwarz gekleidet schien.
Sich spiegeln sieht man die Gespenster,
Die durch das Innen leise ziehn,

Um sich im Äußeren zu brechen:
Die feinen Sicherheiten fliehn.
Es nützt nichts, jene zu besprechen,
Herbeizusehnen, was dahin

Geschmolzen in der Nacht der Nächte,
In Angst geträufelt, hoffnungsblind,
Gefangen in der Seele Schächte,
Ganz tief verschreckt ist wie ein Kind.

So kehrt sich alles ineinander,
Verknotet sich in sich geschwind:
Die Zeiten eilen. Ich mäander
Und frag, wo sie geblieben sind.

Die Fenster dunkeln immer wieder,
Die Blicke werden daran wund.
Das Seelchen summt vergessne Lieder,
Vertreiben will’s die Geisterstund.

Die Augen schließen ihre Lider:
Die Furcht, sie ist nicht kunterbunt,
Die Farbe schwarz hat ihr Gefieder.
Es ist zu spät, tut sie mir kund.

Beitrag vom 19 März, 2010 (12:43) | Autor: Werner Theis | Rubrik: alptraum/ego.wunde | Beitrag ausdrucken | Kommentieren


Innenbilder (DGb)

16 März, 2010 (15:58) | Kasper Grimm | alptraum/ego.wunde | 10 Kommentare


Endlich zog er den Kopf wieder hervor, sah die Dämmerung wie Nebel im Zimmer stehen, unten nahezu undurchdringlich, oben heller, fast licht über den Bücherrücken, eine schwarzgezackt aufragende Gebirgswand,über der, auf hellgrauer Rauhfasertapete, Kalls Schwarzweiß-Aquarelle hinter Glas hingen, herausgehoben aus der vorherrschenden Dunkelheit, wie ins erste Morgengrauen hineingestellt: bizarre Landschaften, in denen Rother versank, noch benommen vom Schlaf, dem anderen Reich, aus dem er, ein Reptil zwischen Meer und Festland, gekrochen war, nun reglos, wobei nur seine Augen noch beweglich waren, Blicke, die aus seinem Starrzustand umherschweiften, über die Wände glitten, ins erste Bild tauchten, darin herumwanderten, durch einen Dschungel schwarzer Strukturen zwischen Deckweißwolken, Lichtungen, leuchtende Inseln in Grotten, Schraffurwäldern, Höhlen im Inneren eines Körpers, eng und finster, manchmal geweitet, durchdrungen von einer magischen Helligkeit, über der das Gewucher dann wieder zusammenschlug, Schlinggewächs, Felsgewirr, das den bald nur noch geahnten Schimmer in Fesseln legte, völlig niederrang, in Schwärze erstickte.

Im Bild daneben andere Strukturen, ein Hochwald, lichtdurchlässiger, wobei die Helligkeit nicht von oben einfiel, sondern vom Ende eines Tunnels, aus dem sich Weiß verbreitete, ein unscharfer Strahl, der diffus auseinanderwaberte, durchzuckt von knorrigen Linien, die hart in den Schein ragten, der die Glasoberfläche durchdrang, sich einen Weg durchs düstere Zimmer bahnte, einbrach in Rothers Pupillen, sich in ihm ausbreitete – kompakte Konturen im Hellen: Scherenschnitte eines konfusen Urwalds, zertrümmerte Knochen eines zusammengeklumpten Skeletts, zerborstener Schädel, Kalls Kopf, der sich hier preisgab, sein Inneres offenbarte, das zugleich verschlüsselt blieb, nicht entzifferbare Hieroglyphen.

Im nächsten Bild überwog das Weiß, aus dem schwarze Striche und Balken zurücktraten, nicht mehr hart abgesetzt, teilweise aufgeweicht, verwischt, verschwebend, aber oben und in den Ecken dominierten sie noch, bedrohlich, nahmen die Formen schemenhafter Figuren an, gespenstische Schatten, die das Helle bedrängten, in es hineinrannen: auslaufendes Schwarz, versickerndes Pechblut, das sich, unterirdisch weitergeflossen und an dünneren Deckweißstellen erneut hervorgebrochen, hier wieder ausbreitete – zutage tretende Quellen der Finsternis.

Im vorletzten Bild waren Schwarz und Weiß eine Symbiose eingegangen, zusammengefügt zu einem rundgeschwungenen Organismus, der die Gestalt eines verpuppten Insekts oder gequollenen Samenkorns hatte, riesengroß in verworrenem Umfeld, das ins Licht mündete, wo sich die Ausläufer des scheinbar organischen Gebildes verloren, das in der Mitte einer weißen Leere ankerte, ein saugendes Nirwana –

Rother riß sich los, blickte zum letzten Bild, in dem runde Formen in spitzes Gewelle übergingen: aufgeregte Pinselstriche, hoch und runter, diagonales Gezack über die ganze Fläche, frei schwebend vor dem hellen Hintergrund, gegen den die Schwärze anrannte, wild, im wütenden Veitstanz scharfkantiger Strukturen, als wollte Kall ihm etwas zurufen, ohne sich aber verständlich machen zu können…

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Beitrag vom 16 März, 2010 (15:58) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: alptraum/ego.wunde | Beitrag ausdrucken | (10) Kommentare


Noterwachen (DGb)

15 März, 2010 (10:28) | Kasper Grimm | alptraum/ego.wunde | Kommentieren

Er wagte es nicht, den PC noch einmal zu starten, sondern ging, todmüde, ins Bett,

und am nächsten Morgen traute er sich nicht, die Augen aufzumachen, ragte die verstümmelte Giraffe doch quer durch seinen Kopf,

aber dann blinzelte er neugierig, ob er das Tier durch die schlafverkrusteten Wimpernschlitze irgendwo sehen würde,

doch es war zu dunkel im Zimmer, zwielichtig: mal sah er es, mal nicht, mal gewann es Form und Farbe, dann verwischte es wieder,

und er schlief erneut ein, träumte von

Kall, den er plötzlich in einer überfüllten Straßenbahn erblickte, in der die Luft zum Ersticken war, eingekeilt zwischen Leibern, die ihn aufrecht hielten, während er selber kraftlos in sich zusammengesackt schien, als habe er eine Herzattacke,

und Rother wollte sich zu ihm hindurchdrängeln, kam aber nicht vom Fleck, versuchte die Notbremse zu erreichen, vergeblich –

die Bahn raste durch den Tunnelschacht, hielt auch nicht mehr an einer Haltestelle: kein Abbremsen, Stillstand, Aufschnappen der Türen, kein rettendes Hinausströmen der Fahrgäste,

nein, Kall starb, eingeklemmt unter fremden Menschen, mit aufgerissenem Mund, hervorquellenden Augen, violett angelaufen,

so entsetzlich,

daß Rother in seiner Not erwachte und den Kopf unterm Kissen vergrub.

Beitrag vom 15 März, 2010 (10:28) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: alptraum/ego.wunde | Beitrag ausdrucken | Kommentieren


Zuckerschlecken

6 Februar, 2010 (20:35) | Werner Theis | alptraum/ego.wunde, lug & trug, tage-bau, terrere est humanum? | Kommentieren

Was soll das Geschrei bezwecken?
Sterben nicht die letzten Recken?
Sag es laut und ohne Schmu:
Gutes geht, die Tür fällt zu.

Narr zu sein – kein Zuckerschlecken:
Ehrlichkeit ist am Verrecken.
Wer noch sagt, was er sich denkt,
Wird am nächsten Ast gehenkt.

Den, der’s wagt, laut anzuecken,
Wird man in die Klapse stecken:
Geh mit Gott, geh in den Tod,
Halt den Mund, willst du vom Brot.

Achte drauf, dich zu verstecken,
Züngle nicht beim Ärschelecken:
Nimm nichts ernst, doch zeig es nicht.
Schweigen ist die höchste Pflicht.

Was will dein Geschrei bezwecken:
Enden nicht zuerst die Kecken?
Böses kommt, die Tür geht auf.
Stell dich nicht in seinen Lauf.

Beitrag vom 6 Februar, 2010 (20:35) | Autor: Werner Theis | Rubrik: alptraum/ego.wunde, lug & trug, tage-bau, terrere est humanum? | Beitrag ausdrucken | Kommentieren


mayflower

31 Januar, 2010 (18:18) | Ramona Linke | alptraum/ego.wunde | 4 Kommentare

unterwegs nach paris
the essential
nochmal track eins
suzanne
milch und honig
mitten hinein
in die kälte
dieser januarnacht
krallt sich der wind
fest an den jalousien
ritzen
die großen augen
der drachenfliege
über einem aufgeschlagenen
buch
tiefausläufer
zwischen hoffen und
wahn
tümpeln staub
getrübt
vor ihrer stirn
als aus einem herz
winkel ab
geblühte träume
tropfen
für tropfen
sich verlieren in
den unsichtbaren
tälern des schreibtisch
furniers
die passstraße
von kunduz nach
faizabad
neben der P12 unterm
kissen blättert
sehnsucht
und mit
bird on the wire
schenkt sie dem mond
durchs fenster
einen nasenkuss

(Für Ronny)

the essential (album) – suzanne – bird on the wire
by Leonard Cohen

Beitrag vom 31 Januar, 2010 (18:18) | Autor: Ramona Linke | Rubrik: alptraum/ego.wunde | Beitrag ausdrucken | (4) Kommentare


Mein Freund, der Alp

28 Januar, 2010 (21:24) | Werner Theis | alptraum/ego.wunde, lug & trug, tage-bau | 2 Kommentare

Nicht dass ich heute solo schlafe:
Der Alp, mein Freund, der bleibt mir treu.
Ich freu mich dessen täglich neu:
Ein Alpdruck ist viel mehr als Strafe,

Er ist ein Ärgernis dazu.
Der Kerl ist alles, nur nicht scheu,
Und was ich ständig wiederkäu,
Die Furcht, die Angst und keine Ruh:

Begeistert schaut er zu und drückt,
Was ihm dann auch noch häufig glückt,
Mein Herz bis an den Rippenbogen.

Mir wird’s dann herrlich blümerant,
Verlier Besinnung – fast! -, Verstand:
Freu mich des Daseins, ungelogen!

Beitrag vom 28 Januar, 2010 (21:24) | Autor: Werner Theis | Rubrik: alptraum/ego.wunde, lug & trug, tage-bau | Beitrag ausdrucken | (2) Kommentare


Wähle

19 Januar, 2010 (22:25) | Werner Theis | alptraum/ego.wunde, herz & lenden, tage-bau | 2 Kommentare

Was war das für ein scharfes Wort, so laut,
So pointiert: Der Schnitt geht tief, die Seele,
Schreit wild vor Schmerz, verzeih, wenn ich’s erzähle,
Sie stirbt, wenn wir das weiter tun! Geschaut

Hab ich Dir in die Augen: Waffen wähle
Behutsam, Liebste! Wenn der Zorn sich staut,
Die Wunden sich nicht schließen wollen, graut
Ein letzter Morgen uns! Ich schweige, stehle

Den ersten Sonnenstrahl Dir von der Haut,
Damit er bleibt als Schatz für dunkle Tage.
Was haben wir versprochen, uns vertraut:

Ist das, was jetzt noch ist, nur Wut und Klage?
Ich bete leis, dass Dich mein Schlag verfehle,
Es reicht doch schon, dass ich mich selbst so quäle.

Beitrag vom 19 Januar, 2010 (22:25) | Autor: Werner Theis | Rubrik: alptraum/ego.wunde, herz & lenden, tage-bau | Beitrag ausdrucken | (2) Kommentare


Weihnacht 2009

24 Dezember, 2009 (14:59) | Werner Theis | alptraum/ego.wunde, herz & lenden, tage-bau | Kommentieren

für meine Liebste

Was war denn das nur für ein kurzes Jahr,
So voll gepackt bis an sein letztes Ende:
Man hebt verdattert seine müden Hände,
Den Kopf noch schüttelnd wird erst langsam klar,

Was war, was ist, was kann mit uns geschehen:
Es wird sich wenden, Glück wird zu Verdruss,
Verdruss wird Glück. Wir eilen bis zum Schluss,
Bis unsre alten Augen nichts mehr sehen.

Wenn wir uns dabei nicht zu sehr verlieren,
Dann will ich’s tragen durch die ganze Zeit.
Denn wer allein ist, dessen Herz wird frieren,

Er wird verkümmern an dem Lebensleid.
Sei um mich, will ich still und leise flehen,
Dass Du mir bleibst und dass wir uns verstehen.

Beitrag vom 24 Dezember, 2009 (14:59) | Autor: Werner Theis | Rubrik: alptraum/ego.wunde, herz & lenden, tage-bau | Beitrag ausdrucken | Kommentieren


Sterben zum Leben (aus “Mäander”)

12 Dezember, 2009 (12:32) | Kasper Grimm | alptraum/ego.wunde | Kommentieren

Überhaupt fasziniert mich das Thema Tod zunehmend in letzter Zeit, auf eine fast schon krankhafte Weise,

als handle es sich um eine andere Art von Auferstehung in was für einen Himmel oder welche Hölle auch immer, und sei es nur so etwas wie das Einschlafen aus Erschöpfung in einen Wunsch- oder Alptraum, das Hinüberschlummern in einen ganz anderen Zustand, in chaotische chemische Prozesse oder in einen bewußtlosen Frieden ohne permanente Ängste, die unterschwellig ständig in mir mitschwingen,

neuerdings gespeist aus einer Lebensmüdigkeit, die wiederum gespeist wird aus allgemeiner Erschlaffung, körperlicher Verwitterung, aber auch aus Enttäuschung, Frust, Resignation, Schrumpfen meiner Möglichkeiten, Desillusion:

lauter Nebenflüsse und deren Nebenflüsse in meinem verschwindend winzigen Dasein, das sich von den Hochebenen meiner Jugend, diesem unbemerkt vorübergehuschten Frühling, in die Niederungen von Gleichmaß und herbstlicher Stimmung hinabgesenkt hat,

steckengeblieben im Morast meiner Lebensversumpfung, in der nur die Routine noch Halt gibt und wo sich die Abwässer meiner Vergangenheit mäandrisch verzweigen zu einem an Altersverwirrung grenzenden Dunstkreis nebulöser Geschehnisse,

wild durcheinander ins Gedächtnis gestopft, labyrinthisch verworren, Unterstes, also Vergangenes zuoberst geworfen, während letzte Ereignisse wegen meines nachlassenden Kurzzeitgedächtnisses zuunterst vergraben und kaum noch erinnerlich sind.

Ich, schlammiges Mündungsgebiet einer eigenen Existenz unterm Mikroskop meiner sich mehr und mehr auflösenden Rückschau, bevor sie ins Meer zurückfließt, das schon heraufstinkt mit seinem Geruch nach Verwesung:

Tod, Vater aller Verrottung, aus der wieder alles Neue entsteht, nachdem sein Humus sich gründlich zersetzt hat.

Abgelebtes bis ins Letzte verfault, zersetzt von einer anderen, fundamentaleren Macht, die der Sterbende als nihilistisch empfindet, für den Gesamtprozeß jedoch ein Ferment, das die Ursuppe des Lebens in Gärung hält und Verjüngung, Auferstehung garantiert.

Heilsamer Todestrieb, der zugleich die Lebenskeime hervortreibt, Paradox in sich selbst wie jeder Komposthaufen: nicht nur Zersetzungs- und Vernichtungsmasse, sondern auch Dünger und Mutterboden, auf dem sich Wachstum und Blühen erneuert, indem die Ressourcen der Daseinsfülle ständig recycled werden,

Verfallenes als Rohstoff einer unerschöpflichen Vitalität, die gleichsam vom eigenen Fleisch lebt, deren Ausgeschiedenes ihr wieder als Nahrung zugeführt wird, geht doch nichts in diesem Kreislauf verloren, nur das jeweils individuelle Gebilde zugunsten eines universalen Gebärens, das wieder in Fragmente zerfällt und vergeht,

eine kosmische Wiederkunft, gegen die wir Mikroben uns wehren, zappelnd vor Panik angesichts unseres Sterbens.

Ungeheuerlich kommt es uns vor, verschwinden zu müssen, und wir krampfen uns dagegen vergeblich zusammen, quälen uns sinnlos, indem wir das Lebensrad nicht akzeptieren, unsterblich sein wollen wie Götter: lächerliche Figuren aus unseren Omnipotenzphantasien.

Viehisch leiden wir unter dem eigenen Altern, statt einfach loszulassen, hinüberzugleiten in ein anderes Sein, auch eine Art von ewigem Leben, nur nicht so naiv wie die Bilder in den Märchenbüchern der verschiedensten Religionen –

ein unsentimentaler Kreislauf im endlosen Werden aus dem Gegebenen, das aus diesem Grund stets wieder aufgelöst wird in zahllose Bausteine einer unermeßlichen Existenz, aus denen Mikro- und Makrokosmen entstehen.

Wandel in einem geheimnisvollen Zerstörungs- und Schaffensprozeß, von dem jedes Herbstblatt auf dem regennassen Asphalt Zeugnis ablegt,

auch ich verwelkendes Menschlein, jetzt auf der Mühlheimer Brücke – da hinten der gigantische Dom, von hier aus gesehen ein Spielzeug, puppenhaft putzig,

und unter mir der mächtige Strom, gemächlich dahinziehend, wobei er mich ruft wie Sirenen mit wagnerischen Rheintöchterweisen, damit ich mich aufgebe, mein eigens Lebensrinnsal, Nebenflüßchen von bis ins Unendliche verästelten Nebenflüßchen,

unbedeutend angesichts des riesigen Ganzen, das aber auch nur aus Details besteht, die sich bis in die winzigsten Atome aufteilen, so daß Großes und Kleines eine Einheit bilden, der Rhein aus demselben Wasser ist wie die spiegelnde Nässe auf dem Asphalt,

auf dem ich dahinfahre: beklemmend und tröstlich zugleich, wie auch das Trübe einen unaussprechlichen Reiz hat, der naßkalte November bezaubert mit seinen gedeckten Farben, in denen das matte Ocker eines zu Brei aufgelösten Blattes auf dem Radweg trotzdem intensiv leuchtet, ja glüht,

eine mysteriöse Metapher, die das Ganze umschließt, melancholischer Hinweis darauf, daß alles eins im unfaßbaren Vielen ist, eine Art Trauerfreude im dauernden Sterben zum Leben.

Beitrag vom 12 Dezember, 2009 (12:32) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: alptraum/ego.wunde | Beitrag ausdrucken | Kommentieren


Da beginnt der Regen

29 November, 2009 (20:07) | Werner Theis | alptraum/ego.wunde | Kommentieren

Da unten steht der Baum am kargen Hang,
Die Äste schütter, wie sie Böen rupfen.
Die Blätter malen gelbe, braune Tupfen
Auf seinen Weg. Dort geht er seinen Gang,

Im Herzen Trauer, und sein Überschwang
Ist weggeblasen durch die Lebenskrise.
Aus warmem Wind entstand die kalte Brise,
Die Worte Glaube, Hoffnung, ohne Klang,

Bedeuten nichts mehr, und die Schultern sacken,
Die Augen blicken müde, ohne Glanz.
Was wollte er auf seinen Rücken packen,

Für sie wollt er die Welt erobern, ganz
Und gar sie ihr zu ihren Füßen legen.
Als er kurz aufschaut, da beginnt der Regen.

Beitrag vom 29 November, 2009 (20:07) | Autor: Werner Theis | Rubrik: alptraum/ego.wunde | Beitrag ausdrucken | Kommentieren


Traum (aus “Mäander”)

20 November, 2009 (08:20) | Kasper Grimm | alptraum/ego.wunde | 1 Kommentar

Laufen durch einen Herbstwald. Hellgelbe Ahornblätter gondeln wie große Schneeflocken hernieder. Meine Schuhe schlurfen durch einen feuchten Laubteppich, von dem ein würziger Geruch aufsteigt. Hin und wieder krächzt ein Vogel. Hellgrauer Himmel: eine Leinwand, darauf die unnachahmlichen Farben der Bäume in der Mauser gemalt – sieh nur, wie ihr Wipfelgefieder sich lichtet und ihr Knochengerüst zum Vorschein kommt.

Allmählich verwandelt sich der Wald in eine dicht zusammengedrängte Menge von Riesenskeletten, eingehüllt in jene Karnevalskostüme, die nur aus Flicken bestehen, von denen sich einer nach dem anderen ablöst, manchmal ganze Händevoll, wenn sich ein Baum als Knochengerüst schüttelt, als schauderte er vor einem noch verborgenen Schrecken zusammen. Auch ich kann ihn nur erahnen, spüren in zunehmender Spannung und wachsender Bedrohlichkeit, die sich steigert in Entsetzen, erklingt in einem schartigen Gelächter, das wie eine zackige Klinge durch die Luft fährt, sie aufsägt, und ich begreife: ihr helles Grau ist keine konkave Himmelshöhlung, sondern die konvexe Wölbung eines Rieseneis, aufgeratscht durch diese Art Rabenschreie, und kleine Spinnen, Panikkügelchen, trommeln wie schwarze Hagelkörner auf mich nieder.

Ich laufe unter dem Krächzen der als Bäume verkleideten Skelette, denen in einem plötzlichen Sturm die letzten Laubflicken von den Totenschädeln gerissen werden, und jetzt zeigen selbst die Blätter ihr wahres Gesicht: von sanft niederschaukelnden Riesenflocken in strahlendem Gelb haben sie sich in dunkle Nachtfalter verwandelt – bis auf eines, ein herbstfarbener Schmetterling, der mir vorweggaukelt, mich herausgeleitet aus diesem psychotischen Alptraum, und das Totenreich in einen Märchenwald zurückverwandelt mit jedem Flügelschlag.

Ich laufe ihm freudig hinterher, immer ausgelassener, einen Steilpfad hinauf, der abrupt vor einer Steilwand abbricht, doch statt eines Gipfelkreuzes steht eine Straßenlaterne auf ihrer Höhe, die sich, wie ich instinktiv weiß, gummiartig nach vorn biegen kann, und ich erklimme ihren Schaft, der sich wie eine Palme mit mir in der Krone vorneigt, hinab zu den Menschen da unten, die zu mir heraufwinken. Da kracht und bricht der Laternenpfahl, ein einziges rostiges Gesplitter, und ich schlage dank der dicken Laubschicht sanft vor den Füßen der im Halbkreis stehenden Menschen auf, die mir plötzlich feindselig gesonnen zu sein scheinen.

Mein Lächeln gefriert, mein ganzer Körper wird von einer eisigen Kälte erfasst. Ich habe ihr Heiligtum, die Gipfellaterne, geschändet. Hinter mir die Steilwand, vor mir der sich zusammenziehende, immer enger werdende Halbkreis des Mobs, Mordgier in den Augen. Ich reiße meine eigenen Augen auf, wie ein Ertrinkender seinen Mund im letzten Moment über der Wasseroberfläche – nur so kann ich mich retten. Mir ist, als sei ich der Lynchjustiz durch rechtzeitiges Erwachen entkommen, und ich springe aus dem Bett und flüchte ins Bad.

Beitrag vom 20 November, 2009 (08:20) | Autor: Kasper Grimm | Rubrik: alptraum/ego.wunde | Beitrag ausdrucken | (1) Kommentar




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