27 Januar, 2012 (23:18) | Hartmut Sörgel | tage-bau | 1 Kommentar
21.1.12
Tagebaulesung im lettrétage
Herzlich willkommen lieber tagebau
eine der beständigsten Poeteninternetseiten
Das Berliner Zimmer ist mein Pixel Ich
und gleich hinter dem Haus
ein Tagebau pwink pwink
dadamdadam ban
Sand und Dreck
dadadap
Kellner Winter serviert in Kreuzberg
Schneeklumpen, Couchpotatoes
das ganz kleine verrückte Leben
Fußgänger schmale Autos…
Witze auf Bäumen fallen in die Blüten
Du Nachbartöle
Nord-Südpol flog nach Kreuzberg
Die Liebe flog davon in Löffeln
Das ist kein Witz
Hochkarätiger Papst trinkt scharfe Pfütze
Sturzregen zwitschert einen Friedhof
Joggend schleicht Allah Gott im Sack
als nasse Neun durch den Zaun
Pabst verdreht Grabsteine
Blumen schreiten ein sonst niemand
Hau ab was machen sie hier?
Du Einkaufswagen im Knast
Du kaputte politücken Bank
Wenns knallt
wisst ihr Bescheid
23 Januar, 2012 (18:43) | Sylvia Hagenbach | tage-bau | Kommentieren
 die alte villa
 die lange treppe
 hartmut hängt seine bilder auf
 es wird ernst, der abend ist da...
die fotos der lesenden und der musiker sind leider nicht so gut gelungen, weil ohne blitz fotografiert, alles etwas verwaschen…
aber zu berichten ist, dass es ein sehr gelungener abend mit reichlich publikum und super-feedback war – vielleicht gibts ja noch mehr berichte? und fotos? für’s erste: herzlichen dank an alle beteiligten, das war prima teamwork.
22 Januar, 2012 (15:36) | Elvira Surrmann | tage-bau | 6 Kommentare
Es war alles gut vorbereitet: der Konvoi, die Bodyguards, die Scharfschützen.
Die Polizei hatte in nächtelanger Kleinarbeit einen unüberwindlichen Schutzwall um den berühmten Gast gezogen.
Aber schon vor Wochen waren sie gewarnt worden, der alte Herr habe einen Dickschädel.
Er fahre nach Deutschland, habe er verlauten lassen, da sei er schließlich zu Hause. Solle er sich vor seinen eigenen Landsleuten verstecken? In Sicherheit bringen lassen? Das sei absurd.
Es klappte alles prima. Die Bodyguards kamen nicht zum Einsatz, die Scharfschützen mussten nicht schießen und schließlich beantragte Herr Gott bei Herrn Allah und Herrn G’ott für seinen Schützling und gegen die Randalinskis in Kreuzberg einen kräftigen Sturzregen. Der wurde ihm gewährt und der Papst konnte ruhig schlafen.
Am nächsten Morgen wurde er von Vogelgezwitscher geweckt. Man hatte ihm erzählt, dass die Nuntiatur schön romantisch an einem Friedhof liege, der wiederum an einem Park liege. Daher also die Vögel. Schön so, sinnierte der alte Herr, mitten in der Großstadt. Unser Herr Jesus lässt seine Kinder nicht verderben.
Er hatte in Rom, als er seinen persönlichen Koffer gepackt hatte, mit dem unbestimmten Gefühl, davon Gebrauch machen zu können, einen Jogginganzug eingepackt. Irgendwann hatte er einmal gehört, dass es Stadtteile in Berlin gebe, in denen die Leute hauptsächlich in Jogginganzügen herumliefen. Er meinte sich zu erinnern, dass dieser Stadtteil Neukölln heiße.
Er zerrte den Jogginganzug hervor. Neukölln, Kreuzberg, so groß konnten die Unterschiede nicht sein.
Niemand sah ihn, als er zum Gartenzaun schlich. Überall stand Polizei herum. Wie sollte er da in den Park kommen? Sie würden ihm nie die Erlaubnis geben. Herr Jesus, raunte er, kannst du mir nicht helfen? Dein Vater hält mich hier wie einen Gefangenen!
Jesus seufzte. Das ist nicht so einfach. Es gibt ein Abkommen mit Herrn G’ott und Herrn Allah. Beide wollen verhindern, dass ihre Schäflein in Sünde fallen wegen deines Besuchs. Weißt du, nicht alle können dich gut leiden und dem einen und anderen gehst du ganz schön auf den Sack!
Jesus! Wie kannst du so sprechen! Wenn das dein Vater hört!!
Benedikt, geh’ zurück ins Haus! Ich kann dir nicht helfen!
Herr Jesus, wenn ich zurück in Rom bin, werde ich extra ein Hochamt lesen zu deiner Ehre!
Hochamt, Hochamt, spottete Herr Jesus, du solltest besser darüber nachdenken um welche Todsünde es sich handelt, wenn man seinen Herrn bestechen will! Nein, nein, ich will dich nicht bestechen, vergiss, was ich gesagt habe! Aber bitte, lass’ mich durch den Zaun! Du weißt, wie es dahinter aussieht! Warum willst du mir das vorenthalten?
Bei mir ist das etwas Anderes, antwortete Herr Jesus, und außerdem trage ich keinen Jogginganzug.
Der Papst sah an sich herunter. Geht das so nicht? Werde ich auffallen?
Herr Jesus verdrehte die Augen. Auffallen?!
In diesem Moment wurde der Wachposten am hinteren Gartentor abgelöst. Der Papst sah seine Chance.
Herr Jesus, flüsterte er, danke! Danke! Und schon war er zwischen den Grabsteinen unterwegs, ein alter Herr im Jogginganzug. Ein wenig unsicher, wie er sich zu verhalten habe, um nicht als Papst aufzufallen, wanderte er an den Grabsteinen vorbei. Eine Katze rannte über den Weg. Eine Frau hockte an einem Grab und schluchzte, während sie die Blumen ordnete und den Grabstein säuberte. Der Papst war gerührt. Er hob seine Hand und segnete die Frau, bevor er vorüber ging. Ein paar Schritte weiter kam ihm ein junger Mann mit Hund entgegen.
Ey, Mann, wat bis du für ’ne Figur? Der Papst sah ihn fragend an. Hohoho, haste wohl zuviel Papstfernsehen gesehen, wa? Amüsierte sich der Typ und segnete den Papst gleich dreimal.
Der Papst ging schweigend weiter. Um in den angrenzenden Park zu kommen, musste er einen Umweg über die Straße machen. Niemand erkannte ihn, niemand sah ihn an, niemand nahm Notiz von ihm, obwohl außer ihm niemand einen Jogginganzug trug.
Im Park war die Bevölkerung wirklich international, so wie er sich das in Berlin vorgestellt hatte. Junge schwarze Männer bewachten gefährliche Nebenwege, die sicher nicht gut zu begehen waren. Der Papst gesellte sich zu ihnen, wusste nicht so recht, wie er ein Gespräch beginnen sollte, hatte ihre Sprache nie gehört. Einer der Männer trat auf ihn zu. Wieviel? Wieviel? Der Papst dachte angestrengt nach. Wussten sie doch, wer er war, und erkundigten sich nach dem Preis für eine Messe? Der Mann sagte etwas in seiner fremden Sprache, die anderen lachten. Für dich. Extra! Zwanzig Euro! Der junge Mann feixte. Der Papst grub seine Hände in die Taschen der Jogginghose. Er hatte vergessen, Geld einzustecken. Einer der Männer, die bisher an der Mauer, an der der Nebenweg entlang führte, gestanden hatte, kam auf ihn zu. Hau ab, Alter. Aber der Papst gab nicht auf. Sie sprachen deutsch, also konnte er mit ihnen reden. Ich freue mich, Sie hier zu treffen, begann er, als ein schriller Pfiff die Luft durchschnitt. Sofort waren seine Gesprächspartner verschwunden, wie vom Boden verschluckt. Augenblicke später kam eine Polizeistreife auf ihn zu.
Was machen Sie hier?
Ich? Ich gehe spazieren.
Ihren Ausweis, bitte! Ausweis. Hilflos angelte der Papst in seinen Hosentaschen. Ich – ich – der Ausweis, den habe ich zu Hause.
Name und Adresse!
Ehm, ich, also, Benedikt, ich meine, …
Die Polizistin zupfe ihren Kollegen am Ärmel. Komm, lass’ den! Mit einem vielsagenden Blick tippte sie sich an die Stirn. Das war zuviel.
Sie können mich gerne nach Hause begleiten, tobte der Papst, da hinten, er zeigte auf die Nuntiatur, die man durch die Bäume hindurch undeutlich sehen konnte. Aber die Polizisten waren schon weiter gegangen.
Ist das die Art, wie man mit einem Papst spricht, empörte er sich.
Du hast es so gewollt, hörte er die Stimme des Herrn Jesus durch das Blätterdach.
Der Papst schwieg beschämt. Ich hätte einen Anzug einpacken sollen, sagte er sich, dieser blöde Jogginganzug war eine schlechte Idee.
Er verließ den Park, wanderte die Straße entlang. Niemand außer ihm trug einen Jogginganzug, aber keiner nahm davon Notiz.
Vor Edeka stand ein Mann und bettelte. Guten Tag, sagte der Papst, warum stehen Sie hier?
Der Bettler zog seinen Hut. Guten Tag. Ich arbeite hier. Ich sammle den Müll auf, den die Leute wegwerfen, ich halte die Reihen mit den Einkaufswagen in Ordnung und bringe die Flaschen rein, die weggeworfen werden.
Werden Sie von Edeka bezahlt? Fragte der Papst erstaunt.
Nein, sagte der Bettler, nur manchmal, wenn etwas übrig ist, kann ich mir davon nehmen. Und manche Leute geben mir ihren Einkaufswageneuro, wenn sie herauskommen.
Warum gehen Sie nicht arbeiten, fragte der Papst.
Arbeiten, der Mann lachte, wo soll ich eine Arbeit bekommen? Sie haben mich alle betrogen! Auch meine Freunde! Ich war reich, hatte ein Geschäft, als ich im Knast war, haben sie mein Geschäft kaputt gemacht, und im Knast war ich, weil mich ein Freund verpfiffen hatte. Ich hatte nichts gemacht. Aber man kann sich auf niemanden verlassen, alle wollen dich nur kaputt machen, wenn du Hilfe brauchst, trampeln sie noch auf dir herum und die Politik macht nichts dagegen, die machen noch mit, das hat man bei den Banken gesehen. Er nahm einen kräftigen Schluck aus einer Bierflasche, wischte sich den Mund ab und hielt dem Papst die Hand hin, kannst du mir einen Euro leihen?
Der Papst schüttelte den Kopf, stülpte die Taschen seiner Jogginghose nach außen.
Auch kein Geld, sagte der Bettler. Aber hier kannst du nicht stehen! Wir sind schon zu viert. Noch einer ist zuviel!
20 Januar, 2012 (00:39) | Jörg Meyer (oegyr) | rausch (zustände) | 1 Kommentar
„you keep pushing pushing“ (charles bukowski)
dass das dasein allenfalls ein kannsein,
möglichkeit statt faktotum wäre,
sagt jedes gedicht
irgendwo.
selbst wenn es hochtönt, die
hallelujahs feiert, zeigt es,
wenn es gut ist, auch seinen
abraum,
den müll, das klo, die gosse, in der es
embryonte, fötus der silbe
zur wortausgeburt wurde, wuchs
sich aus zum vers

und der strophe, die schon
dasteht wie immer dies’ große
empire der dichtung, ja,
weltentwurf!
das gedicht ist stadt, land, fluss,
das alte spiel, und der entwurf,
der seinen auswurfscharakter,
das husten, den schleim, zähen,
nicht verbirgt, zeigt!
ein ausatemstöhnen
über den dämpfen der liquorgläser,
dem rausch der kippe
zwischen den lippen:
hat man ihn da, während beide hände
am glas tippnippen, flüssigflüstert man unver-
ständlich stehend dazwischen.
und was du siehst, dichter,
was du hörst, was du fühlst auf der haut,
dem kannst du nicht entrinnen:
es kann sein, you quittest this job.
video zum poem
Matt Dillon als Henry Chinaski in der Schluss-Sequenz aus Bent Hamers „Factotum“
(für werner)
18 Januar, 2012 (23:24) | Hartmut Sörgel | tage-bau | 3 Kommentare
Zwei Ausstellungen und Lesungen
die erste, im lettrétage in Kreuzberg und danach
eine in Köpenick in der Mittelpunktbibliothek.
Die in Kreuzberg stellt das Internetforum ´tagebau´ vor
Weil die Räume, oder nur der Raum demnächst renoviert wird, könnte ich
ja die Wand bemalen?!
Mit bunten Stiften
eine bunte Welt aus Schrift, Text,
Figuren, Fantasmen?
Tanzende Linien wirbelnde Punkte?
Musik der Farben?
Und dann lese ich
vortragend die Wand ab?
Und sie fliegt mir auf die Zunge,
die ganze lettrétage?
Aber ich verschlucke sie nicht.
Aber vielleicht bespreche, verspreche, durchbreche ich sie
mit Gedichten, tanzenden wilden Worten
taumelnden Lauten
flüsternden ´E´s
schreienden ´O´s
tief stapelnden´U´s
hoch springenden ´A´s?
Und der Raum springt
selber zusammen
und wieder auseinander
zu immer neuen Klängen
Tänzen, Lauten…
lärmenden, schweigenden
brummenden, zischenden
Rufen?
EY
OA E
I U Ü
Ä
Au Ei
du
dort
da
da
hie
17 Januar, 2012 (20:06) | Sylvia Hagenbach | tage-bau | Kommentieren
Foto: Sylvia Hagenbach Text: Jürgen Gisselbrecht

Als Räuberhauptmann zögere ich keinen Moment. Ich springe in den reißenden Fluß. Die Krokodile müssen Angst haben, ich wetze meine Zähne. Am anderen Ufer erwartet mich dichtes Gestrüpp, das nach wenigen Metern in den dunklen Eichenwald mündet. Noch wenige Meter …
Ich bleibe stehen, ich zittere. Meine Verfolger sind dicht hinter mir. Ich springe. Es ist doch nur ein alter Bombentrichter, indem sich Wasser gesammelt hat. Meine Schuhe werden naß, die Socken, die Hose – ich versinke. Nein, ich falle mit der Nase nach Vorne in den Matsch. Die Birken lachen. Ich höre meine Verfolger, sie wispern. Ich rapple mich auf, weiter …
Foto: Jürgen Gisselbrecht Text: Sylvia Hagenbach

ich hätte gern eine heiße schokolade. – mit sahne? – ja bitte, sagte sie und ging mit leichten schritten zur tür hinaus. auf dem tisch mit den braunen klebrigen ringen zwischen zucker-, salz- und pfefferstreuern stand ihre handtasche. der kellner brachte die tasse und stellte sie dazu. zwischen den tischen tauchte ein kleiner junge auf, mit wackelndem ruckendem gang, so als habe er gerade erst laufen gelernt. die späten sonnenstrahlen ließen sein haar aufleuchten wie eine gloriole. der kellner trat an den tisch und trank einen schluck von der schokolade. der kleine junge wackelte zum fenster, deutete hinaus und rief „da! da! da!“. die leute standen auf und schauten hinaus. es war sehr still geworden. der kellner trank die schokolade aus, dann ging auch er zum fenster. weit draußen zwischen den spiegelnden pfützen, fast schon im meer, legte die frau ihre kleider ab. sie schlug die himmelblaue bettdecke zurück, legte sich in das große braune bett aus holz und deckte sich zu. das möchte ich auch mal, dachte der kellner, so ein bett am meer. er räumte die tasse weg, band sich die schürze ab und ging, immer den pfützen nach, am ohr eine singende muschel.
12 Januar, 2012 (20:06) | Werner Theis | beautiful people, labyrinth/wort.gewebt. | Kommentieren
Ich denke gerne, dass ich denke,
Und das geht immer so im Kreis.
Ich denke, dass ich gar nichts weiß,
Wenn ich es auf mein Denken lenke,
Mein ganzes Sinnen, und will wissen,
Was wir denn alles wissen müssen,
Damit zu diesen Zirkelschlüssen,
Die eine Ewigkeit verschlissen,
Vertrödelt haben, etwas käme,
Das Ähnlichkeit mit jenem hätte,
Was man als die Erkenntnis kennt.
Wenn man sich nicht so wichtig nähme,
Geläng der Ausstieg aus der Kette
Dem, der nicht um sich selber rennt.
10 Januar, 2012 (18:57) | Sylvia Hagenbach | tage-bau | Kommentieren
im bus. es rüttelt und rumpelt. an den scheiben rinnt das regenwasser schräg runter. die einzelnen tropfen sind alle untergegangen in diesem stetigen strömen. an der nächsten haltestelle hievt eine kleine krumme alte frau ihren shopper herein und setzt sich. sie lächelt mich an, ein braunes schrumpliges apfelgesichtchen, darin helle blaue augen. die brauen sind weiss, einzelne härchen, kleine wilde antennen kringeln sich heraus. sie trägt eine feuerwehrrote gesteppte fleecejacke, daraus guckt ein maigrüner wollrolli hervor. auf ihrem kopf sitzt etwas schief eine orangene cordmütze mit schirm. die einkäufe in ihrem shopper hat sie mit zeitungspapier zugedeckt: “joopi gehirnschlag. jetzt schnell zu penny. sonder…”. um zeige- und mittelfinger ihrer linken hand ist jeweils ein pflaster geklebt. die pflaster sind schon etwas grau, auf dem einen sind braunrote flecken zu sehen. sie lächelt wieder, schaut zum fenster und sagt: “man muss es nehmen, wie es kommt.”
10 Januar, 2012 (06:01) | Jörg Meyer (oegyr) | haut.falten/masken.wahn | Kommentieren
sitzen, nein, liegen am palmenstrand,
postkartenmotiviert schreibend
vom untergang vor der küste,
wo der mistral weht.
wo ein schiff scheitert, ein wrack
sich wiegt im totenbettchen
wie puppen tun, wenn sie
biegsame vorstellung sind.
geplant waren palmen, jetzt aber
stürzen ins meer, das so genannt
tosende, die tapferen tapeten,
statt dass wir sie wechselten.
Video.Poem
9 Januar, 2012 (14:12) | Werner Theis | labyrinth/wort.gewebt., lug & trug | 2 Kommentare
Ein Werk, verwettet in dem Wortsatzspiel
Des Schreibens um den Ruhm in schwarz und weiß,
Steht kalt und frierend da. Wie auf Geheiß
Hat es geglänzt. Des Guten tat‘s zu viel,
Nun steht es da, allein zurückgelassen,
Sein Schöpfer ist schon weg, weil‘s nicht gefiel.
Er zeigt, wie man’s gemeinhin nennt, den Stil
Nicht, den ein Autor haben sollte. Hassen
Und weg damit, als wär er’s nicht gewesen,
Der das mit falschem Timbre brünstig schrieb,
Was wir erstaunt hier auf der Seite lesen.
War es nur blinder Ehrgeiz, der ihn trieb?
Hat ihn die Muse doch noch überlistet
Und sich im Text verborgen eingenistet?
6 Januar, 2012 (05:02) | Jörg Meyer (oegyr) | blut.bahnen/rauschen | Kommentieren
zwischen den
zeilenzwillen
zerlichternd, nachtvergoren
die maische hochprotzentisch
ein lied auf den falben
lippen, morgenerrötend,
revolverletzt den
faden des speichels
weitergesponnen: „trunken
stets und lüstern“
zitterzitiert die
verse vom dazumahl,
das ich des abends einnahm
wie eine orgel den
atem ein und aus
hüstelt.
ein schleim, ein
ausgang alveolisch,
krakatauend das noch
geschlossene weißblut
der schneeglocken,
die schlagen die
letzte, mehr jedoch die erste
der stunden.
video.poem
2 Januar, 2012 (20:56) | Werner Theis | beautiful people, lug & trug | Kommentieren
Das immer Neue Jahr trägt in sich die Geschenke
Des Bisher-nicht-Gesehen, des Noch-Unbekannt.
Und wenn das letzte Feuerwerk dann abgebrannt
Ist, geht der erste Höhenflug durch eine Senke.
Das Leben fährt sich doch von selber, ist die Denke
Des Bruder Leichtfuß, dummer Zwilling von Verstand
Und guter Planung. Wer ist nicht im Kreis gerannt,
Der falschen Fahne folgend, deren Rumgeschwenke
Den klaren Blick vernebelt wie der eine Sekt
Zuviel am Ende einer Nacht? Ja, das Erwachen
Wird meistens schrecklich, wo man sich auch bettete!
Nur einmal kurz die Süße reinen Glücks geleckt,
Bleibt für den Rest der Zeit so gar nichts mehr zum Lachen:
Wie schnell ist nichts mehr übrig, das noch rettete!
29 Dezember, 2011 (12:35) | Werner Theis | haut.falten/masken.wahn, lug & trug | Kommentieren
Schlingensiepe fühlt sich angesprochen
Schlingensiepe, Jahreswechsel,
Hat genug vom Wortgedrechsel,
Das denselben nicht verziert.
Hat ins Fernsehn reingestiert,
Sah den Präsidenten labern,
Hört die Kanzlerworte wabern,
Alles sei – und nichts! – im Lot.
Anderswo sei große Not.
Hört, heißt es, der Feind steht rechts!
Und ein Ende des Geflechts
Sitzt im Parlament und nölt,
Wenn er nicht „Heil Hitler“ grölt,
Glatzenkahl und tätowiert
Durch die teutsche Stadt marschiert.
Zahlen tun ihn die Organe,
Die er vor dem Anschlag mahne,
Den er selbst auch gleich vollführt!
Braune Scheiße angerührt
Mit den Steuern braver Bürger:
Staatssalär für Freiheitswürger!
Oder links als Feuerteufel,
Limousinen, Drecksgehäufel,
Alles brennt schön angezündet
Und mit Missgunst gut begründet.
Auch die Deutsche Bundesbahn
Schwelgt im Milliardenwahn,
Drum darf man mit ein paar Bomben
In den dunklen Katakomben
Leitungsschäden provozieren:
Kommunisten gehn spazieren,
Wenn der Scheißkapitalist
Einsam bei der Arbeit ist!
Oder radikal islamisch
Und im Hirn ein bisserl damisch
Liebt man sehr das Explodieren
Und das laute Ausradieren
Aller, die was Falsches glauben
Und die ganzen Jungfrau’n rauben,
Dass im schönen Paradies
Keine einz’ge übrig is‘!
Liebe Leute, jetzt seid friedlich,
Macht es Euch zuhaus gemütlich
Während wir für Euch regieren,
Wird dies Jahr nichts mehr passieren,
Denn, was drängt, das wird verdrängt,
Ausgesessen und behängt
Weihnachtlich mit Lichterketten.
Und Ihr fresst das, woll‘n wir wetten?
Schlingensiepe hat’s gerochen,
Fühlt sich nicht mehr angesprochen.
Er zippt weiter im Kanal.
Weihnachtsmärchen, ganz banal:
Auf die Nuss geht das Salbadern,
Und er möchte nicht mehr hadern
Mit dem Schlechten auf der Welt.
Nachrichten sind abgestellt.
Unterm Baum gibt’s Weihnachtslieder
Alle Jahre immer wieder.
Not ist ihm jetzt schnurz wie Piepe.
Wir sind alle Schlingensiepe!
25 Dezember, 2011 (16:27) | Hans Juergen John | tage-bau | 3 Kommentare
Weihnachten ist für mich über die bloße religiöse Bedeutung hinaus immer auch ein tagelanger Moment der Besinnung. Entgegen der allgemein üblichen Verhaltensweise gehe ich in mich und nicht unter die Familie.
Ich möchte mich recht herzlich bei allen Tage(auf)bauern für all die Jahre bei Euch und unter Euch bedanken.
Ich kann mich noch erinnern, wie glücklich ich war, als ich im Januar 2001 von Euch aufgenommen wurde. Eine Gemeinschaft der Schreibenden mit Themen so bunt wie ein Schottenrock. Und ich durfte dazu gehören.
Mein Schreiben war fortan nicht nur von Themen, sondern auch von meiner persönlichen Befindlichkeit getragen. Das konnte ich immer nie ganz trennen. Womöglich gab es die eine oder den anderen, die mit mir oder an meinen Texten litten. Schreiben war für mich immer auch Bewältigung. Nie kam jemand und hat einen dicken Punkt – vor meinen Schreibstil oder meine Thematiken – gesetzt. Immer war da Respekt vor dem anderen im Spiel. Das schätze ich bis heute am tage-bau und den Menschen, die ihn tragen und ausmachen…
Und immer war ich als Schreibender auf der Suche…. Wer weiss, wohin mich diese Reise noch führen wird. Das aktuelle Projekt von Johntext “Give a HELPING HAND” ist so ein Pfeiler, den ich auf dieser Suche errichtet habe. Ich hoffe, er wird manchen Menschen – und nicht nur den Schriftstellern – Schutz, Orientierung und Ansporn sein. Ansporn, Mitmenschen mit dem Mittel des Wortes zu helfen.
Was ist das Sandkorn in der Wüste? Für alle Zeiten ein Sandkorn. Erst als Werkzeug hat es eine Aufgabe, ein Ziel, eine Bestimmung. Nimmt sich der Wind seiner an, so begibt es sich auf eine Reise. Nimmt sich das Wasser seiner an, so stellt es sich als Samen heraus und wird zur Pflanze. Kommt es in ein Getriebe, so kann es bremsen, Entwicklungen steuern.
Ähnliches kann für Worte gelten. Alleine ihre Existenz bewirkt nichts. Auf die Zusammenhänge kommt es an.
Für meine schriftstellerische Weiterentwicklung im letzten Jahr geht mein Dank an Axel Poldner. Es ist mir, als wäre da ein Mensch in mein Leben getreten und hätte durch seine Gegenwart mir Ruhe und Richtung beim Schreiben gegeben.
Ich fühle Ruhe und Kraft in mir. Die Ruhe und Kraft, die Axel Poldner schon vor mir vielen anderen Autoren für ihr Werk vermittelt und gegeben hat.
So macht also bitte hier beim Tage-bau weiter und stellt die Worte in Zusammenhänge und adaptiert diese Zusammenhänge mit Wohlwollen und Kritik in Euer Leben.
Was wären die Worte hier ohne Euch, liebe Tagebau -Freunde und -Leser.
Euer Hans-Jürgen John
24 Dezember, 2011 (15:21) | Sylvia Hagenbach | tage-bau | 1 Kommentar

das wünsche ich uns allen!
20 Dezember, 2011 (13:03) | Werner Theis | netz@uge.nblick | Kommentieren
die weihe suchte sich die eine nacht
der sie sich als ein wesensteil verleihe
dass man das unverzeihliche verzeihe
indem der tod zum leben wird vollbracht
die sterngeburt aus schwerem tiefem schwarz
erschafft sich aus den endlos weiten reisen
von morgen- hin zu abendland der weisen
die überschauert vom plejadenharz
das kind hier wiederfinden unverbraucht
und rein weil schuld zu tilgen ist und heilen
nur der kann dessen zorn noch heilig ist
der schober glüht in helles licht getaucht
man sieht sinds engel schafe hirten eilen
weils plötzlich eben furchtbar eilig ist
19 Dezember, 2011 (08:42) | Jörg Meyer (oegyr) | herz & lenden | 1 Kommentar
das jahr, es war kein gutes nicht
und doch das beste uns’res seins:
indem wir lernten, welch’ gewicht
es dem hat, welcher hatte dies statt keins.
der beste tag in uns’rem leben,
selbst wenn er traurig war und krank,
ist der, der eben erst gewesen,
nicht einem nächsten morgen erst entlang.
dies ahnt, wer schlimmes jahr
nach and’ren schlimm’ren zugebracht,
wer sagte zu dem nein ein wieder ja
und hoffte auf den tag nach nacht –
und dass die jahre sind ein kreis,
der anfang nicht, noch ende hat.
wer solches hofft nicht nur, doch weiß,
wird nicht verzweifeln – denn er wagt!
11 Dezember, 2011 (19:45) | Werner Theis | haut.falten/masken.wahn, lug & trug | Kommentieren
Es sprach aus ferner Zeit sich mir ein Wort
Ins Ohr und wollte erst mal länger bleiben;
Es bat mich, dies und es hier zu beschreiben,
Und sagte sich dahin, als flög es fort
Und käm nie mehr zurück an jenen Ort
Des ersten Kennenlernens. Welches Treiben
Durchfließt den Wintermorgen: Augenreiben,
Ein müdes Dehnen, Weihnachtstage, Mord
Am In-sich-Ruhen, Zu-sich-Finden, und
Den Hauch von Nebelatem blasen Winde
So schnell hinweg wie Phrasen meinen Mund
Verlassen. Ob ich’s jemals wiederfinde,
Das eine Wort, das Welten ganz macht, rund:
Es drückte aus, was nicht nur ich empfinde.
6 Dezember, 2011 (09:54) | Jörg Meyer (oegyr) | haut.falten/masken.wahn | Kommentieren
egal, wenn die ebenen
mühsamer sind als die gebirge,
die stürze überm abgrund,
schwebend, schwere-
losgebunden von den waagerechten
und also aufrecht
gehend, versbeferster achill.
überhaupt antike, stille säulen,
springquell, gebreitete blüten …
gegennebenan, wenn die gebirge
leichter sind als die ebenen
und stürmen aus dem wesensrund.
video.poem
3 Dezember, 2011 (17:50) | Werner Theis | beautiful people | Kommentieren
Zum Tod von Christa Wolf
Du trafst auf Himmel, die sich einfach teilten;
Die Trauermauer ohne Dauer sprach
Sich in den Wind der Liebe, sagte: Ach,
Du Schönster, geh jetzt nicht! Und es enteilten
Die schwarzen Vögel zweifach nicht, sie blieben,
Verdeckten Himmel und verhießen Nacht:
Du hieltest Wacht. Du schriebst von kalter Macht.
Du hießt uns lachen und das Dennoch lieben.
Es ist ein kurzer Glanz durchs Land gegangen,
Momente jenseits Gier- und Neidverlangen:
Ein heller Strahl im drögen Einheitsgrau.
Du hast zum Abschied nochmals kurz gewunken,
Schon ist der letzte Vorhang leis gesunken.
Wie’s weitergeht, sag, wusstest Du’s genau?
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