Haarflötensterne

9 Februar, 2010 (00:26) | Hartmut Sörgel | tage-bau | Kommentieren



                                      Strenger Winter
                                 Sie sagt:
                          Nicht ohne Mütze, meine Haare gehen flöten
                    Ich: Dann gehen wir ins Konzert
Was für ein Konzert
Die Haare gehen flöten
vom Winde verweht
              Wieviel Haare hast du?
            Tausende?
            Und jedes flötet
                  auf  winzigen Instrumenten
                      noch viel kleiner
                         als das blasende Haar
             Was für ein Klang
               zart und fein 

                                   Oh
                           abends auf  gefrornem Schnee
                        überall Leute mit aufrecht stehenden Haaren
                     und der feine Klang
                  Doch sie spazieren
               als merkten sie gar nichts

            Meine Haare?
         Stehen mir zu Berge
       bis zu Mond und Sternen
        Die trommeln, geigen
           trompeten, brummen
               reden, singen
                         und und...
                              Das Universum

                             Ich lausche
                         Keiner sonst?

Schnittpunkt

8 Februar, 2010 (15:50) | Werner Theis | netz@uge.nblick, tage-bau | Kommentieren

Du denkst, das bisschen Leben endet hier,
Und willst es irgendwie zu Ende bringen.
Du hörst die Wintervögel fröhlich singen
Und wünschtest, du wärst auch ein Federtier,

Das singt und frisst, um sich dann aufzuschwingen,
Die Himmel hoch, das jauchzt und jubiliert,
Die Tore weit, bis es erstarrt, erfriert,
Als Eiseshände es dann doch bezwingen.

Es dächte nicht und kennte auch kein Sehnen,
Es hätte Worte nicht, es zu erwähnen.
Ein leichtes Leben, einfach federleicht:

Es meinte nicht, sich wütend aufzulehnen.
Die Welt ist jetzt ganz müd. Der Mond will gähnen.
Der Schnittpunkt allen Seins ist hier erreicht.

eiswolken

7 Februar, 2010 (22:04) | Sylvia Hagenbach | tage-bau | 1 Kommentar


eiswolken ziehen
jemand
streut salz
in die stillen brunnen
ein sternenfell wächst
unter deinen füßen
geh heim
schon klirren
speichen und wimpern
drähte sirren
das lied
geh heim
noch ist zeit
bald
erfrieren die bitten
der vögel
im schwarzen geäst

Zuckerschlecken

6 Februar, 2010 (20:35) | Werner Theis | alptraum/ego.wunde, lug & trug, tage-bau, terrere est humanum? | Kommentieren

Was soll das Geschrei bezwecken?
Sterben nicht die letzten Recken?
Sag es laut und ohne Schmu:
Gutes geht, die Tür fällt zu.

Narr zu sein – kein Zuckerschlecken:
Ehrlichkeit ist am Verrecken.
Wer noch sagt, was er sich denkt,
Wird am nächsten Ast gehenkt.

Den, der’s wagt, laut anzuecken,
Wird man in die Klapse stecken:
Geh mit Gott, geh in den Tod,
Halt den Mund, willst du vom Brot.

Achte drauf, dich zu verstecken,
Züngle nicht beim Ärschelecken:
Nimm nichts ernst, doch zeig es nicht.
Schweigen ist die höchste Pflicht.

Was will dein Geschrei bezwecken:
Enden nicht zuerst die Kecken?
Böses kommt, die Tür geht auf.
Stell dich nicht in seinen Lauf.

Was das Maul wirft

6 Februar, 2010 (00:19) | Hartmut Sörgel | tage-bau | 1 Kommentar


Schulferien
 Schüler in den Müggelbergen
      Einer zieht die Freundin
             Andre leere Schlitten
                   Der die Freundin zieht erzählt:
                  Ein Maulwurf wühlt sich
                durch den Schnee nach oben
            Als sein Kopf hinausguckt
      trifft ihn eine Bö
         Er wühlt ein Loch hinein
              Tornado wirbelt los
                   Hast du schon mal
                        Hochhäuser durch den Wald
                                rennen sehen?
                             Auf dem Dach der Maulwurf
                          Straßenbahn fährt hoch
                  Endstation: Skybar
                    Hast du das gesehen?
                     Das hab ich noch nicht gesehen

mayflower / 3.2. alptraum/ego.wunde

31 Januar, 2010 (18:18) | Ramona Linke | tage-bau | 4 Kommentare

unterwegs nach paris
the essential
nochmal track eins
suzanne
milch und honig
mitten hinein
in die kälte
dieser januarnacht
krallt sich der wind
fest an den jalousien
ritzen
die großen augen
der drachenfliege
über einem aufgeschlagenen
buch
tiefausläufer
zwischen hoffen und
wahn
tümpeln staub
getrübt
vor ihrer stirn
als aus einem herz
winkel ab
geblühte träume
tropfen
für tropfen
sich verlieren in
den unsichtbaren
tälern des schreibtisch
furniers
die passstraße
von kunduz nach
faizabad
neben der P12 unterm
kissen blättert
sehnsucht
und mit
bird on the wire
schenkt sie dem mond
durchs fenster
einen nasenkuss

(Für Ronny)

the essential (album) – suzanne – bird on the wire
by Leonard Cohen

Heute abend gehört und mitgeschrieben, hier der Anfang

30 Januar, 2010 (23:13) | Hartmut Sörgel | tage-bau | Kommentieren

Ultraschall
das festivall für neue Musik
30.1.10 Radialsystem
Clara Maida
Shel(l)ter (2009)
Zyklus für Ensemble und Elektronik
Uraufführung des Gesamtzyklus

Shel(l)ter – unter …()… Winter
Shel(t)ter – unter …( )… Gitter
Shel(l)ter -seither …()…Splitter
Shel(l)ter – hinter …()… Eiter


                 Dunkel hell heiß tief
                         trillernd rauscht ein Fluss
                                 aus Kristallen
                                       Ein Zug aus kleinen Schweinchen
                                   fliegt durch trommelnde Fledermäuse

                             Die Höhle bunt verzagend
                      kleine Funken sprühen glücklich
             Ein Spektakel haut
                   auf die Haut
                       die schleppt erschlaffend
                               und greift reißerisch

                        Rennende Steine
                           unsichtbar im Kopf
                                 oder ganz woanders
                                klappern verrückte Pferde
                               2010 PS
                        oder Mücken mit Glöckchen
                  in schwärmenden Kreisen
             wirbeln vergehen
           in unsichtbaren Wolken
               Ein Schnellzug rast vorbei
                  unendlich lang durchsichtig
                     aus Luft
                            Pfeifende Antworten

Beim Bäcker

29 Januar, 2010 (23:39) | Hartmut Sörgel | tage-bau | Kommentieren

Vater mit Kind
Er zeigt auf ein Kuchenstück,
Kind: Nein!
Das ist nicht für dich, das esse ich, sagt er
Und was willst du? Schweigen
Er zeigt auf ein Stück, das? Nein
Auf ein anderes, das? Nein
auf ein drittes, das? Nein
auf ein viertes, das? Nein
Dann nehme ich noch diesen Windbeutel mit Sahne für mich
Kind: Das will ich auch!
Gut, dann nehmen wir zwei
Und willst du noch diesen Streuselkuchen? Nein

Die Verkäuferin bleibt ruhig und freundlich
Eine zweite räumt im Laden auf
Mund und Augen rennen in ihrem Gesicht hin und her, auf und ab,
gehen zu und auf
Sie geht hinter der anderen vorbei
Die fragt: Kommst du durch?
Sie geht problemlos durch, sagt aber
in hohem Bogen quietschend: Nein
Das Kind nachahmend?
Dabei fliegen ihr Mund und Augen fast aus dem Gesicht

in der notaufnahme

29 Januar, 2010 (08:49) | Sylvia Hagenbach | tage-bau | 2 Kommentare

das wartezimmer ist voll. blasse, verstörte, versehrte. schockierte augen.augen schauen nach innen, auf den fussboden oder nach draußen, wo ein ambulanzwagen nach dem anderen eintrifft. sirenen fern und nah, türen werden aufgerissen, zugeschlagen. augen schauen auf den fernsehschirm oben, Frauentausch und Big Brother. ein junger arzt (wieso kann der schon ein arzt sein, du lieber himmel, bin ich alt geworden!). er dreht meine beine hin und her, drückt hier und da, nachdrücklich aber nicht zu grob. wieder auf dem flur, menschen in weiss eilen, ihre augen streifen dich nicht einmal, du bist ein knie. das wird jetzt durchleuchtet. alles klar, kein bruch, kein schleimbeutel kaputt. nur blau und aua. muss in die kühlung und aufs sofa. ohne frauentausch. ohne big brother. oh danke, danke, danke!

Und am nächsten Tag

29 Januar, 2010 (00:01) | Hartmut Sörgel | tage-bau | Kommentieren

 
Wirbelnd durch die Bö
   werde ich zur Schneeflocke
        Luftikus mit kristallinen Armen
       und Eisblumengesicht
             Ich bin drei Rehe mit gespitzten Ohren
               ein Drachenkopf aus Holz und Schnee
                         und Trommler Buntspecht 

             Fliegend knirscht gefrorene Musik
               Schneebälle auf der Zunge
                     Ich schwebe in den kahlen
                      Traubenkirschenbusch
                         der fiept und rauscht
                           und zwitschert
                               Zwei Mädchen lachen ihn
                                   bezaubernd an
                                      Die Flocke schmilzt dahin
                                         Ein Wassertropfen
                                             hängt am Zweig

Mein Freund, der Alp

28 Januar, 2010 (21:24) | Werner Theis | alptraum/ego.wunde, lug & trug, tage-bau | 2 Kommentare

Nicht dass ich heute solo schlafe:
Der Alp, mein Freund, der bleibt mir treu.
Ich freu mich dessen täglich neu:
Ein Alpdruck ist viel mehr als Strafe,

Er ist ein Ärgernis dazu.
Der Kerl ist alles, nur nicht scheu,
Und was ich ständig wiederkäu,
Die Furcht, die Angst und keine Ruh:

Begeistert schaut er zu und drückt,
Was ihm dann auch noch häufig glückt,
Mein Herz bis an den Rippenbogen.

Mir wird’s dann herrlich blümerant,
Verlier Besinnung – fast! -, Verstand:
Freu mich des Daseins, ungelogen!

Wintermusik

28 Januar, 2010 (00:13) | Hartmut Sörgel | tage-bau | Kommentieren


Das Eis
Glockentöne aus dem See

      Ein Specht trommelt

                     Der Großstadt Rauschen
                               Nebeltöne im Winterwald        

                          Jeder Schritt im Schnee
                         helles Knirschen

         Drei Rehe
     Mit gespitzten Ohren
 auf dem Weg

                    Ein Drachenkopf
         Abgebrochner Kiefernast
      verschneit

              Vogelstimmen?
                   Der Busch gefroren singt
                         beim Berühren

                         Ein Pirol?
                               Die Schritte auf dem harten Schnee
                                       hoüdüdüdüü

Musikbild

26 Januar, 2010 (23:45) | Hartmut Sörgel | tage-bau | 2 Kommentare

Marc André (Im Elsass geboren, lebt in Berlin,
und schreibt sich jetzt Mark Andre)
Aufführung seiner Komposition ´Üb´ beim Ultraschall-Festival
Übertragung im Kulturradio am 25.1.10

Musik aus Farben und Formen
Ich habe mitgezeichnet.


Sanfte Bewegungen, farbige Linien rauschen
                                                           lauschen
                                                               springen
                                                                    singen
                                                                       klettern
                                                                   bauen Ellipsen und Berge
                                                         die blaue Mondsichel
                                                       zwitschert abnehmend
                                                 eckige Wolken
                                                 orange, grün
                                              gelb und braun
                                            ein zitternder Zaun
                                      schräge Schneewehen
                           graue Strähnen
                      Schritte rufen Ufer
                          im Gebirge
                                  der Erinnerung
                                        tjui, bbbbb, sch
                                           langgezogen
                                       in hohem Bogen
                             abgebrochen
             fallen, steigen
           unendlich nah
             und mondenfern
               senkrechte Strahlen
                     wispern, knistern
     

mein vater

23 Januar, 2010 (18:00) | Sylvia Hagenbach | tage-bau | 4 Kommentare

mein vater
er lächelt
er lächelt im schlaf
weil er
vielleicht
wieder jung ist
weil er
vielleicht
wieder stark ist
auf seinen füßen steht
und läuft
weil seine hände
beweglich und sanft sind
und seinen schimmel
streicheln
und seinen schlitten
voll mit holz
bis ins dorf ziehen
der schnee
ruht sich aus
in vaters narbigen schuhen
vergessen
vor der stalltür
in einem längst
versunkenen land

Spreu und Weizen

23 Januar, 2010 (08:36) | Uwe Schick | lug & trug | Kommentieren

Der Mensch braucht Unterschiede: Automarken, die für die Finanzkraft des Käufers stehen und seinen gesellschaftlichen Status definieren. Das hat der Sozialismus auch nicht zwischen jenen Grenzlinien ausrotten können, zwischen denen er verbreitet war oder ist. Der Mensch braucht die Unterscheidung durch die Kleidung, die Körper betont oder dessen ausladende Linien verwischt. Letzteres ist nötig, um der regionalen Kultur zu entsprechen und so trotz „Fehlern“ noch Aufmerksamkeit zu finden. Diese Beachtung bekommt die erste Gruppe, die Streamliner unter den Menschen, selbstverständlich und wird so für ihre Mühen und Fitnessstudiokosten belohnt. Doch auch ohne Kleider – in der Sauna – kennt das Spreu und Weizen-Denken keinen Halt: Einige der Nackten besitzen Bademäntel, die sie in kleine Fächer stopfen. Wer nur ein großes, buntes Handtuch hat, erntet keine Blicke der Bademantelbesitzer. Die Gattung „Nix-als-Handtuch“ zählt in den Augen vieler Bademäntler höchstens zu den halb professionellen Schwitzern und darf sich gerne unterordnen. Aus ihr wird nicht zwingend etwas Neues wachsen. Keiner von ihr wird es länger als 10 Minuten in der Finnischen Sauna aushalten. Welch ein Irrtum.

Arno Schmidt und Ernst Krawehl lernen sich kennen, 2

22 Januar, 2010 (09:22) | Kasper Grimm | tage-bau | Kommentieren

Arno Schmidt und Ernst Krawehl lernen sich kennen, 2

Aus und vorbei schien es zu sein, der Bruch zwischen den beiden endgültig. Ernst Krawehl betrat die Dorfkneipe: typisch, mit derbem, rustikalem Gehölz, Paneel, Deckenbalken und Mobiliar aus deutscher Eiche – weißgeschliffene Tischplatten, darauf rotweißkarierte Deckchen und dunkle, grobgeschnitzte Stühle mit gedrechselten Beinen und Lehnen drumrum, einen nicht mehr auszulüftenden, gleichsam hineingebeizten Bier- und Zigarettenmief ausdünstend, halbduster wegen der kleinen Fenster mit gerüschten, ebenfalls rotweißkarierten Gardinen, mit klobigen Bauern- und Knechtfiguren wie eine Guckkastenbühne bestückt, wozu auch noch das dumpfe, mundartlich verschliffene Gemurmel gehörte. Da konnte man sich nur noch besaufen: das Gefühl, ein Fremdkörper zu sein, wegspülen, auch das Unerfreuliche der Begegnung mit diesem verrückten Arno Schmidt. –

Schnitt. Nächster Morgen. Sonnenlicht im stickigen Zimmer des Schnarchenden, Verschwitzten, Verkaterten, das ihn blendete. Unrasiertes Gesicht im Spiegel. Mit einem Ruck stand Ernst Krawehl auf, beeilte sich, hier wegzukommen: scheiß auf das Frühstück – schulterte seinen Rucksack, und ab die Post, Richtung Bahnhof. Steindamm an den Schienen entlang. Schäbiges Bahnwärterhäuschen: es strömte wie das ganze Dorf etwas Muffiges aus, schlug ihm wie Mehltau aufs Gemüt.

Stop. Ich lasse den Film zurücklaufen, setze neu an bei der Szene: Ernst Krawehl schwappte sich kaltes Wasser in die Achselhöhlen, ins Gesicht, begann mit dem Naßrasieren – da klopfte es an seiner Tür. Arno Schmidt war mit seiner Frau gekommen, nicht um über eigene Texte zu reden, sondern über andere, die im Stahlbergverlag veröffentlicht worden waren oder dort verlegt werden sollten, Bücher von Malaparte.

Das Gespräch muß so anregend gewesen sein, daß sie sich kurzerhand zu einem langen Spaziergang durch Kastel und in der Umgebung entschlossen, die beiden ungleichen Männer allein – Alice Schmidt ging zurück in die „gepolsterte Kartoffelkiste“.

Und es geschah ein wichtiges Ereignis für die deutsche Nachkriegsliteraturgeschichte: der noch etwas verkaterte Verleger schloß Freundschaft mit diesem eigensinnigen Autor, die ein Leben lang halten sollte, wenngleich zwischen ihnen die Distanz gewahrt und es beim „Sie“ blieb. Ein bedeutender Spaziergang. Arno Schmidt konnte wohl auch nett sein, liebenswert, das Gegenteil eines grollenden Nörglers, sogar ausgelassen, begeistert – Ernst Krawehl hat es so geschildert.

Ich stelle mir vor, wie sie locker wurden, wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad, während sie um Kastel herumwanderten. Schließlich krochen sie sogar auf dem Bauch unter Dornenbüschen hindurch, um einen bestimmten Blickwinkel zu bekommen, den Arno Schmidt in einer Erzählung beschrieben hatte, der plötzlich alles mögliche erzählte, aufgeregt wie ein Kind.

Ihre Stimmung wurde „pfadfinderhaft gemütlich und kameradschaftlich“, wie Ernst Krawehl sich später ausdrückte, der noch eine andere „Szene am Rande des Grotesken“ zum besten gab, die sich außerhalb von Kastel ereignete, hoch über dem Fluß, wo sie über eine gewölbte Wiese gingen, hinter der nichts außer Himmel zu sehen war. Arno Schmidt packte ihn plötzlich bei der Hand und begann mit ihm zu laufen, rannte mit ihm bis zum äußersten Rand der Wiese, die wie abgehackt endete, vor einer über hundert Meter tiefen Steilwand, ein abrupter Absturz zur Saar, und während der Verleger erschrockene nach Luft schnappte, fragte sein Führer augenzwinkernd: „Na, Herr Krawehl, was halten Sie davon?“

Sie gingen über die leicht gebuckelte Wiese, hinter der der Himmel wie eine Wand aufragte, tief blau oder bedeckt, milchig oder mit weißen Schäfchenwolken, keine Ahnung, jedenfalls brütend, an einem heißen, schweißtreibenden Augusttag, gingen nebeneinander her, nicht zu dicht aneinandergerückt, durch eine herrliche Landschaft, und Arno Schmidt, aus der Reserve gelockt, geriet ins Reden, steigerte sich in einen seiner Monologe hinein, redete wie von einer inneren Kraft gestoßen, eruptiv, geschüttelt von einer aus seinen Tiefen gestiegenen Gewalt, mit heftigen Bewegungen, während er ein Tempo vorlegte, das an die Gewaltmärsche seiner Soldatenzeit erinnerte, wobei das Bemerkenswerteste seine Stimme war, dieses seine inneren Stürme wiedergebende Klanginstrument, Lautmalereien seines wiederum eigenwilligen Organs, mit dem er seine Ansichten, Meinungen, Tiraden, Elogen und Kapriolen, seine Lobeshymnen und Verdammungsurteile herauskatapultierte, ein Stakkato von Konsonanten, ein Explodieren von Vokalen, die gleichsam abgeschossen wurden, zischende, heftige Töne, aggressiv und prononciert, als werfe er sich gegen einen unsichtbaren Käfig, wütend, jedes Wort ein Speer, den er auf ein Ziel schleuderte, das er zornig aufspießte: schnelle, präzise breitgefächerte Salven, gestochen akzentuierte Artikulationen, ein Sperrfeuer mit rollendem R, knatterndem K, sichelndem S, platzendem P, näselndem N und berstendem B, ein scharfsinniger Seiltanz, souverän und traumwandlerisch sicher, ein Balanceakt zwischen instinktiver Geschmeidigkeit und intellektueller Brillanz, frappierend, suggestiv, auch komisch und slapstickartig…

Die beiden schritten also an von Feldern aufschauendem Landvolk vorbei, das grüßte, hinter ihnen aber den Kopf schüttelte: diese spinnerten, räsonierenden Hampelmänner.

Zuletzt kehrten sie erschöpft zurück zur ärmlichen Unterkunft, nahmen einen kargen Imbiß ein, gingen dann zu dritt, denn Alice Schmidt begleitete die beiden ungleichen Männer, zur Saar hinüber, wo Ernst Krawehl die Fähre betrat, während sich in der Dämmerung ein Gewitter anbahnte, das schon bedrohlich grollte, und da stand er dann in der sogenannten „Ponte“, eine große Stahlwanne entlang einer rasselnden, rostigen Kette, schwankend und um Gleichgewicht bemüht, während der Fährmann seinen Fahrgast zum anderen Ufer stakte, bei zunehmender Dunkelheit, und das verloren wirkende Ehepaar immer kleiner wurde, hölzernen Figuren gleich…

Als Ernst Krawehl schon in der Flußmitte war, von braunen Wellchen umschwappt, erhob Arno Schmidt den Arm, zeitlupenhaft langsam, ließ ihn dann wieder fallen, richtete ihn erneut wie einen Flügel auf und ließ ihn sinken, mehrmals hintereinander, steif und puppenhaft, umso lebhafter, je mehr er sich entfernte, als wäre er darüber erleichtert, und plötzlich machten Arno und Alice Schmidt „à la preußisches Kommando“, wie Ernst Krawehl es beschrieb, „eine Kehrtwendung um 180 Grad“, und sie stapften den steilen Feldweg davon, die Flußböschung hinauf, lange noch sichtbar, ohne sich noch einmal umzusehen.

Ich trage Dich auf meinen bloßen Händen

20 Januar, 2010 (17:37) | Werner Theis | herz & lenden, rausch (zustände), tage-bau | Kommentieren

Ich trage Dich auf meinen bloßen Händen
Und wasche mich in Deiner Unschuld schön.
Ich lege Dir Dein Elfenhaar und föhn
Dir Sterne drauf, die sanftes Glitzern senden.

Ich kleide Dich, wenn ich Dich zart verwöhn,
Mit mir und hauche leis: Das darf nie enden!
Dein Zimmer säume ich mit leichten Wänden;
Ich sammle alle Küsse auf und krön

Dir Deine Stirn und Deine Engelsaugen.
Ich trockne Dich mit meinem Atem ab,
Wobei ich mich verlier, um da zu saugen,

Wo Du die Wundertropfen perlen lässt.
Wenn ich Dich gleich erneut erobert hab,
Hältst Du zum Dank mich stöhnend in Dir fest.

Arno Schmidt und Ernst Krawehl lernen sich kennen

20 Januar, 2010 (09:46) | Kasper Grimm | tage-bau | Kommentieren

Arno Schmidt und Ernst Krawehl lernen sich kennen, 1

Nein, das war nicht in Ahlden, sondern in Serrig, Jahre zuvor, nicht im nördlichen Flachland, vielmehr in südlicher Gegend: wellig stelle ich sie mir vor, ungefähr wie das Bergische Land in der Nähe von Köln, nicht schroff – sanfthügelig.

Aber was weiß ich schon von Serrig? Jedenfalls war es im Spätsommer 1955, genau am 22. August, zur Zeit der reifenden Brombeeren. Da trat Ernst Krawehl, ein großer, starkknochiger Mann, auf, vierzehn Jahre vor der Übergabe von „Zettels Traum“, zu einer Zeit, als Arno Schmidt so ausgesehen haben muß wie auf einem anderen Foto, das ihn in Kastel vor einer offenen Haustür zeigt, in einem dicken Mantel, scheinbar aus Loden, zugeknöpft, mit großem, zurückgeklapptem Kragen und steifem Revers, so steif wie der Mann darin, als sei er eine Schneiderpuppe, und er stützt sich mit der rechten Hand auf einen Stock, hat die Linke in der Manteltasche, auf dem Kopf eine runde schwarze Baskenmütze mit kaum angedeutetem Zipfel, schräg aufgesetzt, ein bißchen keck, doch trotzdem wirkt er starr, verschlossen, scheint mich, den Betrachter dieser Aufnahme, streng zu fixieren, durch runde, dick und schwarz umrandete Gläser, abweisend, mit heruntergezogenen Mundwinkeln und maskenhafter Miene. Aber es gibt noch ein Foto aus der gleichen Zeit, das ihn ganz anders festhält, geradezu entspannt, in einem spätsommerlichen Garten, wo er einen Blumentopf mit einem blühenden Kaktus in den Händen hält. Auf wieder einem anderen Foto aus jener Zeit lehnt er, in Hemd und Pullunder, an einem Felsvorsprung oberhalb der Saar, in der Nähe von Kastel, im Seitenprofil aufgenommen, die Rechte locker in die Hüfte gestemmt, mit abgewinkeltem Arm.

Zurück zu Ernst Krawehl, der, das noch ungelesene Manuskript vom „Steinernen Herzen“ in der Tasche, unterwegs zu diesem offenbar begabten, jedenfalls vielversprechenden Autor war, von dem er erst eine Erzählung kannte, die noch nicht als Buch vorlag und ihn trotzdem schon polizeibekannt gemacht hatte, nachdem sie in einem Literaturmagazin abgedruckt worden war, denn er war deswegen angezeigt worden und hatte nun einen Prozeß wegen Gotteslästerung und Pornographie am Hals, was zwar einiges zum Bekanntheitsgrad des bis dahin kaum beachteten Autors beitrug, ihm aber auch ganz schön an die Nieren gegangen sein muß, zumal seine Existenz nicht gesichert war, er mit seiner Frau in den bedrückendsten Verhältnissen lebte oder besser kümmerte.

Ernst Krawehl schilderte später in einem Interview, wie er den langen, heißen Weg an hohen Sandsteinwänden entlangmarschierte und schließlich das Bauernhaus erreichte, in dem das junge Ehepaar untergekommen war, nicht nur als Vertriebene, sondern auch noch geflohen vor dem drohenden Prozeß, also geflüchtete Flüchtlinge, doppelt gemoppelt, die in der deprimierendsten Ärmlichkeit lebten, in mit etwas Sperrmüll ausstaffierten leeren Räumen, „praktisch in der gepolsterten Kartoffelkiste“, wie Ernst Krawehl sich ausdrückte, auf unterstem Nachkriegs- und Vertriebenenniveau.

Er, der Besucher, wurde keineswegs freudig empfangen, sondern mit einem „Oh Gott auch das noch!“, eine Begrüßung, die einen normalerweise auf dem Absatz umkehren läßt, nicht aber diesen Verleger, der später erfuhr, daß Arno Schmidt an diesem selben Vormittag vom Amtsrichter vernommen worden war und, zurückgekommen, gerade erst das Telegramm gelesen hatte, das seine, Ernst Krawehls, Ankunft ankündigte – da stand er auch schon vor ihm: kein gutes Omen, zumal die Zusammenarbeit mit dem vorherigen Verleger gründlich schiefgegangen war. Herrje, Arno Schmidt wollte doch bloß seine Ruhe haben und schreiben. Aber die Verhältnisse waren nun mal nicht danach, und ohne die Freßpakete seiner Schwester aus Amerika wären er und Alice bestimmt schon längst verhungert…

Alles schien falsch eingefädelt zu sein. Arno Schmidt war ziemlich gereizt. Ihm lag noch die Demütigung vom Vormittag im Magen, dieses Vorgeführtwerden von Beamtenfritzen, Sesselfurzern, die nichts von seinem Schreiben verstanden. Das übertrug der Autor auf den fremden Ankömmling, der ausgerechnet heute hier aufkreuzte: ein schwitzender Kerl mit Rucksack, dem er dann aber trotzdem erst mal ein Glas Wasser anbot. Mehr hatte Arno Schmidt ihm nicht anzubieten, der arme Schlucker, angeblich ein zwielichtiger Pornoschriftsteiler – peinlich: nichts mehr da, kein Wein, kein Bier, kein Schnaps, und sogar sein geliebter Nescafé war ausgegangen. Und dieser Typ war doch nur gekommen, um ihn zu kaufen. Klar, der hatte bloß seinen Reibach im Sinn, wollte sich wie diese anderen Halsabschneider auf seine Kosten bereichern. Und wenn er tausendmal den weiten Weg extra seinetwegen auf sich genommen hatte: abzocken und bevormunden wollte ihn der Herr Verleger.

Das kannte Arno Schmidt schon zur Genüge von dem anderen Großkotz, Rowohlt, der ebenfalls Ernst hieß, genau wie dieser Krawall oder Krakeel: wenn das kein schlechtes Zeichen war. Und Arno Schmidt ärgerte sich, daß er ihm auch noch vorsäuselte, wie furchtbar nett es doch sei, daß er sich die Mühe gemacht habe, ihn hier aufzusuchen – diese Verlogenheit. Er würgte weitere Höflichkeitsfloskeln wütend herunter, schlug sich auf den Mund und rief mit verzerrtem Gesicht: „Nein, nein, nicht diese Töne!“ Arno Schmidt sprach jetzt Tacheles, sagte ihm auf den Kopf zu, er sei ja bloß gekommen, um Geschäfte zu machen, so, jetzt sei es heraus, aber er gebe sein Herzblut nicht für sowas her.

Am liebsten wäre Ernst Krawehl umgekehrt. Doch das war praktisch unmöglich: in diesem Kaff kriegte er für heute keinen Zug mehr. Also mußte er bleiben, wenn auch bloß für eine Nacht, mit dem festen Vorsatz, nie wiederzukommen.

Sie arrangierten sich: das Gebot der Höflichkeit erforderte es. Arno Schmidt gab sich einen Ruck und opferte ihm seinen Nachmittag – den Vormittag hatte er schon vergeudet. Was half’s. Sie machten Konversation, verspannt und gestelzt, „stilisiert“, wie Ernst Krawehl es dann im Interview nannte, der einige freundliche Bemerkungen über „Pocahontas mit Seelandschaft“ anbrachte: das fiel ihm nicht schwer – der Text hatte ihm wirklich gefallen. Wie überaus treffend die Landschaft und der Dümmer See geschildert sei, lobte er: den kenne er gut, er habe ihn schon in seiner ganzen Breite durchwatet. Da kriegte er wieder einen Dämpfer. Er habe rein gar nichts von dem Buch verstanden, erklärte Arno Schmidt schroff: es heiße nicht „Pocahontas mit Seelandschaft“, sondern „Seelandschaft mit Pocahontas“ – es gehe also nicht um die Gegend, sondern… „Ach, lassen wir das!“

Sie verabschiedeten sich. Ernst Krawehl schluckte seinen Ärger herunter: war ja bloß für eine Nacht – und ging in die Dorfkneipe, die einzige Unterkunftsmöglichkeit hier in diesem lausigen Nest.

Wähle

19 Januar, 2010 (22:25) | Werner Theis | alptraum/ego.wunde, herz & lenden, tage-bau | Kommentieren

Was war das für ein scharfes Wort, so laut,
So pointiert: Der Schnitt geht tief, die Seele,
Schreit wild vor Schmerz, verzeih, wenn ich’s erzähle,
Sie stirbt, wenn wir das weiter tun! Geschaut

Hab ich Dir in die Augen: Waffen wähle
Behutsam, Liebste! Wenn der Zorn sich staut,
Die Wunden sich nicht schließen wollen, graut
Ein letzter Morgen uns! Ich schweige, stehle

Den ersten Sonnenstrahl Dir von der Haut,
Damit er bleibt als Schatz für dunkle Tage.
Was haben wir versprochen, uns vertraut:

Ist das, was jetzt noch ist, nur Wut und Klage?
Ich bete leis, dass Dich mein Schlag verfehle,
Es reicht doch schon, dass ich mich selbst so quäle.

Der Steuer Schuld

17 Januar, 2010 (18:42) | Werner Theis | haut.falten/masken.wahn, lug & trug, tage-bau | Kommentieren

Ich brüte über meiner Steuerschuld
Und wühle quer durch Akten und Papiere.
Nicht dass ich im Entferntesten kapiere,
Was Recht und Unrecht wär. Und die Geduld,

Die ist es, die ich heftigst strapaziere:
Sie wird dadurch zum Riesenkatapult
Für Bürgerärgerstaatsbeschimpfungskult.
Worauf ich mich nun eifrig kapriziere,

Ist das Vermeiden einer Überweisung
Vor großem Ausmaß an den fernen Staat.
Die Steuer Kürzen gleicht so der Lobpreisung

Von Lüge und versteckter bösen Tat.
Und, schwarz auf weiß, führt beinah zur Entgleisung
Die Zahlung, die man mich zu leisten bat.



Idee: Enno E. Peter & Sabrina Ortmann

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